Erste Neujahrskarte für 2012
Ich bin nun sehr in Eile, die Karten zu Weihnachten und Neujahr zu drucken. Hier zeige ich die erste fertige Arbeit. Gesetzt aus Holzziffern, ergänzt durch eine bleierne Vignette und eine Art Etikett, das aus einem Messingoval und Versalien der dreiviertelfetten Futura in Petit (8 Punkt) besteht.
Die Holzlettern sehen noch gut aus, aber die Zurichtung war langwierig. Die Typen mußten stark hinterklebt werden, um sie auf eine gleiche Höhe für halbwegs gleichmäßigen Ausdruck zu bringen. Perfektioniert habe ich es nicht, denn das Aufreißen der Farbe in den Flächen hat eine belebende Wirkung.
Das ist die rote Druckform. Neben dem kleinen Impressum für die Rückseite enthält sie den Conférencier und das kleine Etikett für die Ziffer 2, die im nächsten Jahr an letzter Stelle der Jahreszahl erscheint.
Der Herr im roten Anzug hat auch einen roten Kopf.
An der Druckform aus Blei sieht man, daß er schon erheblich lange seinem Publikum dient.
Runde Druckformen sind immer ein wenig kompliziert, aber drei Versalien sind dann doch schnell gesetzt.
Beim Ausfüllen der Form ist freilich die Unterlänge der Lettern zu beachten.
Die Neujahrskarte vom Bleisatz mit Holz und Messing ist jetzt erhältlich im Online-Shop der Druckerey. Sie wird mit einem silber gefütterten weißen Kuvert ausgeliefert. Wenn Sie mehr als zwanzig Karten ordern möchten, unterbreite ich Ihnen gern ein Angebot mit Mengenrabatt.
tags: bleisatz, holzlettern, holzschrift, jahreswechsel, neujahrskarteKommentare [1]
Der Goethe zum Jahreswechsel
Mein Verbindungsmann zu Goethe, der Historiker und Journalist Gustav Seibt (also nicht dieser, auch nicht dieser, und dieser nur vielleicht, aber auf jedenfall dieser), hat mich auf einen schönen Text für die diesjährige Karte zum Jahreswechsel hingewiesen. Eben wieder Goethe. Und ich habe mir die Erlaubnis erschlichen, einen Text von Gustav Seibt, der am 5. Juli 2011 in der Süddeutschen Zeitung stand, hier nachzudrucken. Zuerst einmal der Goethe nach der Müncher Ausgabe:
Liegt dir Gestern klar und offen,
Wirkst du heute kräftig frei;
Kannst auch auf ein Morgen hoffen
Das nicht minder glücklich sei.
Dufte, knorke und schnafte wird man es heißen müssen, wenn der Drucker nicht nur einen Goethe reproduziert, sondern auch noch eine interessante Erklärung dazu liefert, und wer ist dazu besser berufbar als der Privatgelehrte Seibt? Also ließ sich der gutmütige Mann mit seinem Text in mein Blog zerren:
Das britische Weimar
Dass Goethe nie in England war, dass der Verfasser der „Wahlverwandtschaften“ keinen der Gärten betreten hat, deren symbolische Form er immerhin im Wörlitzer Park, ihrem deutschen Abkömmling, bewundern lernte, ist vielleicht kein Unglück, aber doch schade. Dass das Kontaktverbot durch Napoleons Kontinentalsperre ihn daran hinderte, von Jane Austen Kenntnis zu nehmen, aber ist einfach ärgerlich. Bezeichnen die Bücher der Britin nicht den nächsten Punkt der zeitgenössischen Literatur zu den „Wahlverwandtschaften“, dem Eheroman im Landschaftsgarten?
Wer das Landhaus von Stourhead betritt, am Rande eines der schönsten dieser Gartenkunstwerke, wird von einer Sammlung überrascht, die so Goethe-nah wirkt, als habe sein Kunstberater Meyer sie zusammengestellt: Hackert, Angelika Kauffmann, Mengs sind da vertreten, aber auch Poussin und Ruisdael und viele Italiener, von der Familie Hoare über Generationen von ihren Grand Tours nach Hause gebracht. Ist nicht eher hier das „britische Weimar“, und nicht in Edinburgh, wo es der junge Thomas Carlyle, Goethes schottischer Altersfreund, vermutete? Seit 1824 sandte Carlyle Aufsätze, Bücher und Übersetzungen zur deutschen Literatur nach Weimar, und Goethe war für die „schriftliche Unterhaltung von meiner Fireside zu der Ihrigen“ – also von Kamin zu Kamin – so dankbar, dass die Familie des Schotten mit Buchgeschenken, Stickereien, Bildern aus dem Frauenplan geradezu überschüttet wurde. „German Romance“, ein „Leben Schillers“ – das waren handgreifliche Beweise fürs Entstehen jener „Weltliteratur“, die Goethe als Austausch unter Lebenden verstand, nicht als Kanon.
Zu seinem letzten Geburtstag 1831 erhielt er aus England ein Siegel, das ihm fünfzehn Schriftsteller, darunter Scott, Wordsworth und Carlyle, widmeten. Die Schrift darauf war deutsch: „Ohne Rast, doch ohne Hast“. Der Beschenkte sah darin vor allem einen Ausdruck des Geistes der schenkenden Engländer, da die Maxime „im Grunde ihr eigenes Tun sehr gut ausdrückt“: „Tätigen Sinn, das Tun gezügelt;/ Stetig Streben ohne Hast“ – so wiederholte ein kleines Dankgedicht den Spruch. Es verwundert nicht, wenn man in Thomas Carlyles späterem Londoner Haus, das in Chelsea liegt und wundervoll erhalten ist, über dem Kamin auf ein handschriftlich gewidmetes Porträt Goethes stößt, unter das dieser eine seiner liebsten Maximen gesetzt hat: „Liegt dir Gestern klar und offen,/ Wirkst du heute kräftig frei;/ Kannst auch auf ein Morgen hoffen/ Das nicht minder glücklich sei.“
Der Kern seelischer Gesundheit ist hier in eine Faustregel gefasst. Denn was versucht jede Psychotherapie? Sie klärt das Gestern, verdrängte Traumata und Neurosen, sie will damit den arbeits- und liebesfähigen Menschen wiederherstellen und ihn stabil machen fürs künftige Leben. Wie es um einen selbst bestellt ist, erfährt man, wenn man Goethes Verse mit Fragezeichen versieht: Liegt dir Gestern klar und offen? Hm. Wirkst du heute kräftig frei? Tja. Kannst du auf ein Morgen hoffen, das nicht minder glücklich sei? Das ist die Frage!
Und sie passt nach England, zu Carlyle, der Goethe weniger als Dichter denn als Lebenslehrer verstand, bereits auf der Bahn zu jenem demokratiekritischen Heroismus, der die Menschheit mit dem Appell „Arbeiten und nicht Verzweifeln“ aufmunterte. Ein seltsames Denkmal ist dieses Carlyle-Haus! Gegenüber von Goethes Bild hängt ein Porträt Friedrichs des Großen, für dessen achtbändige Biographie Carlyle den preußischen Orden pour le Mérite und ein Dankschreiben von Kronprinz Friedrich, dem späteren Hundert-Tage-Kaiser, erhielt. Der Weg führte von Weimar nach Berlin, und er widerlegt die Behauptung, die Bahn vom Humanismus zum Machtstaat sei ausschließlich eine Angelegenheit Deutschlands. An Thomas Carlyles Fireside hat man sie auf wenigen Quadratmetern vor Augen. GUSTAV SEIBT
Ich habe den Spruch seit Juli mit mir herumgetragen, ihn mal klar und mal spröde gefunden, lange keine Vorstellung gehabt, wie man ihn denn einmal ohne die Walbaum und auf Mitte setzen könnte. Und schließlich kam ich auf den Gedanken, den Text als Inschrift zu nehmen. Wie gemeißelt, als in Stein gehauene Devise, unter der man hindurchgehen kann, vom Gestern ins Heute. Die Erler-Versalien und die Trump-Gravur kamen in die engere Wahl, weil sie als lichte Schriften für den räumlichen Eindruck geeignet sind und in den passenden Größen in Blei vorhanden.
Hier sehen wir die Trump-Gravur von Georg Trump, anno 1960 erstmals gegossen in der Schriftgießerei C.E. Weber in Stuttgart.
Dies hier ist ein erster Abzug. Weil die Wortzwischenräume recht eng gehalten sind, was man mit verschiedenen Mitteln in so einer Gravur ausgleichen kann, beispielsweise durch auf Mitte stehende Punkte zwischen den eng gestellten Wörtern, fiel mir ein, alle Anfangsbuchstaben zu röteln. Dies ist hier skizziert. Die Karte soll zu klappen sein, man kann also innen schreiben. Nur hängen die vier Zeilen am oberen Rand der Vorderseite etwas einsam herum, der Eindruck der Inschrift entsteht erst, wenn man zu einem zweiten Ding einen Bezug herstellen kann. Ich werde also noch irgend etwas dazunehmen müssen. Noch ist Schulterzucken, ich fiebere einem vernünftigen Gedanken entgegen. Kommende Woche sollen die Karten gedruckt werden.
Wie ein Schriftsetzer die Druckpresse hört
Als ich früher nur als Schriftsetzer arbeitete und die drei Heidelberger Tiegel der Buchdruckerei Rapputan in der Friedrichstraße in Berlin-Mitte nicht sprechen hörte, sondern mich nur von ihrem Rhythmus durch den Arbeitstag tragen ließ, dachte ich mir oft Melodien dazu aus. Heute höre ich weniger die Musik, sondern ich lausche, ob die Kippung der Saugstange gut eingestellt ist und ob die Blasluft die Bogen nicht zu stark anhebt, auch das Zahnrad am Farbkasten macht sich bemerkbar und erinnert mich daran, ob viel oder wenig Farbe ins Farbwerk gehoben wird, und wenn es irgendwo leise quietscht, dann bin ich sofort mit der Ölkanne dabei, die trockene Stelle im Farbwerk herauszuhören und dem Mangel abzuhelfen. Aber ganz vergessen habe ich die Musik nicht.
Läuft der Tiegel sehr schnell, verlieren die einzelnen akustischen Momente an Deutlichkeit. Dann kann man innerlich zwar im Wiener Walzer oder im Foxtrott oder einem sehr schnellen Marsch mitgehen, aber die Musiker suchen bald verzweifelt die Eins, und die Tontechniker bemängeln, er würde das Tempo nicht halten. Also habe ich ihn, den Tiegel, oder sie, die Maschine, langsam laufen lassen und mir Musiker ins Haus geholt. Gitarre, Baß, Querflöte, Trommel, Rasseln und der Tiegel, wir hatten einen schönen Tag mit den Instrumenten. Bis dann das erste Musikstück zu hören war, hat es im Studio ein Weilchen gedauert. Und schließlich wollte ich auch Bilder dazu liefern.
Musik mit Maschinen, originelle Schlagwerke mit orchersterfremden Instrumenten — man kennt so etwas aus der Neuen Musik des 20. Jahrhunderts. Hat es schon mal jemand mit dem Heidelberger probiert? Meines Wissens sind wir auf diesem Gebiet Pioniere. Hier ist unser erstes Stück:
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