Drei Schnitte
Mein Vorschlag, eine Postkarten-Edition zu produzieren, wurde von den jungen Druckerey-Schülern nicht aufgenommen. Man könnte vielleicht, man werde sehen. Wir haben enorm produziert, drei Sorten Visitenkarten sowie einen Freundschaftsbeweis, der mir jetzt, wo ich ihn mit Ruhe sehe, seltsam formuliert zu sein scheint. Müßte es nicht heißen “daß ich Dein Freund bin” anstatt “daß Du mein Freund bist”? Oder ist das eine Art Entscheidung im Sinne des Freundes?
Erster Schnitt: Ein Künstler hat an seinem Linolschnitt weitergearbeitet, und das Messer ist in ihm in den Daumen gefahren. Erstes Pflaster. Zweiter Schnitt: Der Künstler hat ein weiteres Opfer gebracht, diesmal der Zeigefinger, aber das Werk ist fertig. Zweites Pflaster. Drucken konnten wir das Bild noch nicht. Gleich nächstes Mal.
Dritter Schnitt: der Goldene. Dale hatte nicht vergessen, daß ich letztes Mal von einem Büchlein gesprochen hatte. Da sich bislang niemand beteiligt, schafft er das auch alleine, der Entschluß ist fest. Er hat drei Gedichte gesetzt, die er auswendig kann, weil er sie selbst verfaßt hat. Wir haben auch das Format schon festgelegt, ausgehend von einem
Stapel A5-Bogen, die ich nicht mehr brauche. Daraus wird ein Büchlein in den Proportionen des Goldenen Schnitts. Was hier eine Proportion ist, also das Verhältnis der Seiten zueinander, war leicht zu verstehen, aber wie erkläre ich den Goldenen Schnitt? Maße im Verhältnis 1:1,618 sind mit dem Taschenrechner schnell zu ermitteln. 21:34 mit der Rechenscheibe auch. Und daß es ein irrationales Maßverhältnis ist, das gleichwohl in der Natur gelegentlich vorkommt, etwa im Verhältnis der durchschnittlichen Handlänge zur durchschnittlichen Handbreite, habe ich auch mitgeteilt. Aber ganz aufgeklärt fühlte sich Dale noch nicht. Soll ich ihm mit diesem Lehrsatz kommen?: Zwei Strecken stehen im Verhältnis des Goldenen Schnittes, wenn sich die größere zur kleineren Strecke verhält wie die Summe aus beiden zur größeren. Der Goldene Schnitt verlangte eigentlich eine ganze Unterrichtseinheit. Ich werde einfach noch ein wenig Geschichte einstreuen und schauen, ob ich einen Zirkel finde, um ihn mal auf Papier zu konstruieren. Oder haben meine verehrten Leser guten Rat?
Erstaunlich, wie beliebt Aussagen sind wie “In Deutsch bin ich nicht so gut” oder “Mathe kann ich nicht”, zumal letztes von Freyja, die sehr
fix und geradezu begeistert ganze ungerade Zahlen dividierte. Man kommt ja ohne ein wenig Kopfrechnen weder an der Druckmaschine aus beim Einrichten der Form noch an der Papierschneidemaschine beim Aufteilen der Bogen in Druckformate. Ich lege es nicht drauf an, Schule zu halten und sage selbst die Lösung, bevor es quälend wird, aber oft können es die Kinder, wohl zumal, wenn das Ergebnis für die Arbeit gebraucht wird. Angewandtes Kopfrechnen zeigt, daß man in der Schule nicht nur sinnlos aufgehalten wird.
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Trennregeln für die russische Sprache
Gelegentlich werden an die Druckerey Fragen herangetragen, die mit dem täglich Brot des Setzers einer Akzidenzdruckerei nichts zu tun haben, die aber durch die Handbibliothek einer vernünftigen Druckerei beantwortet werden können. Gestern erreichte mich diese Zuschrift:
Sehr geehrter Herr Schröder, mit Freude lese ich seit kurzem Ihren Blog. Als ich dann die Erwähnung des Russischen im Fremdsprachensatz sah, ergab sich für mich die Lösung für ein lange aufgeschobenes Problem: Trotz ausgiebiger Suche in meinen Russischlehrbüchern, im Internet und Nachfrage bei meinem Lehrer konnte ich nirgends die Trennregeln für die russische Sprache finden. Es gibt im Internet zwar mehrere Pakete, die das ermöglichen, aber die sind für das Schreiben von Hand ja ziemlich nutzlos. Deshalb stelle ich die Frage nach den Trennregeln für die Russische Sprache vertrauensvoll an sie.
Hochachtungsvoll
A. S.
In der Tat ist hier eine Lösung zu finden. Aber die einer altertümlichen Druckerey. Ob die Russen auch Rechtschreibreformen über sich ergehen ließen und heute andere Trennregeln befolgen als 1920, weiß ich nicht. Am besten einfach mal in Rußland anrufen. Ich präsentiere unterdessen auf beigefügten (durch Anklicken vergößerbaren) Fotos aus meinem Nachschlagewerk für den Fremdsprachensatz die Trennregeln für die russische Schriftsprache, wie sie 1920 galten.
Und wenn unter den verehrten Lesern jemand Wissenswertes anzufügen hat, möge er sich bitte keine Zügel anlegen und die Kommentarfunktion nutzen.
Schäumende Tante
Mir fällt eben noch ein, was ich erzählen wollte, weil es recht lustig ist: Den Kindern zeige ich immer auch, wie man sich die Hände wäscht. Als ich ein Knabe war, habe ich mein Fahrrad mit Elsterglanz geputzt und mir dann die
Hände mit einem hellbraunen Waschsand aus der Tube gewaschen. Dessen Name ist mir entfallen. Den Kindern heute wird offenbar kaum Gelegenheit gegeben, sich die Hände mit kräftigen Waschmitteln waschen zu müssen. Dabei ist Waschsand ja auch amüsant. Den der Marke Grüne Tante verwendete man in der Druckerei Rapputan früher. Und ich war immer enttäuscht, wenn es mal einen Ersatz gab, irgendwelchen weißlichen Schleim etwa. Amüsant ist Grüne Tante, weil er bzw. sie nach Marzipan duftet und so schön grün und sandig und sandig-grün ist. Und die Tante schäumt auch noch.
Ich muß den Kindern immer erst mal zeigen, wie man sich damit wäscht. Das Bildungsschichtenkind nimmt nämlich sonst einen Batzen Waschsand und läßt diesen unter streichelnden Bewegungen unter fließendem Wasser aus den Händen laufen, worauf diese Hände genauso aussehen wie vorher. Druckerschwärze reibt man ja mit dem nur angefeuchteten Sand erst einmal ab. Fast alle mögen Grüne Tante.
By the way kann ich hier noch die kleine Krone zeigen, die Dale auf seine Visitenkarte gedruckt hat. Sie stand auf der Schließplatte und stach ihm offenbar ins Auge. Ich wollte sie schon lange mal drucken, kannte ihr Bild bislang gar nicht. Und jetzt auf dem Foto sehe ich, daß wir vor den Bindestrich etwas Raum hätten legen müssen, damit er in der Mitte zwischen
e und J steht. Bis zur Mikrotypografie sind wir in den ersten Stunden nicht vorgedrungen. Bei dem Krönchen handelt es sich um ein galvanisiertes, also mit Kupfer überzogenes Metall, auf Holz aufgenagelt. Die Bedeutung der Zackenzahl konnte ich meine Schüler nicht lehren. Ich hab mal für einen Prinzen eine fünfzackige Krone gedruckt (glaube ich), und mein Kunde hatte mir auch ein bißchen Aufklärung über die Bedeutung der Zackenanzahl zukommen lassen, aber ich hab es wieder vergessen.
Zuletzt fällt mir noch ein, daß Annalisa zu diesem Bild von Barbara Wrede fragte, ob es einen Unfall an der Schneidemaschine illustriere, über deren Gefahren ich belehrt hatte — obwohl sie in meiner Abwesenheit nicht betätigt werden wird. Aber die Lichtschranken sind schon sehr interessant. Und man spricht dann gern etwas über Unfälle. — Ich hoffe, die Wrede-Zeichnung jagt niemandem Druckerey-Alpträume in den Schlaf. Bei Wrede im Atelier hab ich übrigens auch mal Grüne Tante gesehen.
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