Junge Setzer und Drucker, Teil 2

7. Dezember 2007

Im Dezember vergangenen Jahres bot ich Freunden an, einen ihrer Söhne für ein paar Tage in meine Werkstatt zu entsenden zu einem Bildungsurlaub. Die Freunde kamen auf den Gedanken, daß es mit zwei Buben für alle Beteiligten angenehmer sein könnte; aus Erfahrung befürwortete ich diesen Vorschlag, und im August wurden mir für eine Woche zwei 8jährige Praktikanten ins Haus gebracht: Malte (links im Bild) und Luca (in der Mitte). Die Vorbereitung dieser Aktion war recht ungefähr, weil ich einen der beiden nicht sehr gut, den anderen gar nicht kannte. Aber ich wollte schon wie einst mein erster Meister (siehe Teil 1) ein Werk fabrizieren, das wir alle drei auch noch Jahre später gern in den Händen halten würden.

Mein letztes Schulprojekt mit einer Arbeitsgemeinschaft einer Freien Schule hatte ich mit 12jährigen absolviert, in diesem Alter war man im Mittelalter fast erwachsen. Davor hatte ich mehrere Semester Studenten unterrichtet, die zum Arbeiten keiner Überredung und Lockung bedurften. Daß ich familiär mit einem Kind Umgang pflegte, liegt lange zurück, das Kind studiert heute Jura. Also viel Übung hatte ich nicht mehr. Wichtig war mir, daß meine Gäste sich in der Werkstatt wohlfühlten. Je jünger ein Mensch ist und je geringer das, was wir Einsichtsvermögen nennen, desto ernster muß die individuelle Freiheit genommen werden. Außerdem sind uns gerade bei Erinnerung an die eigene Kindheit heutige Kinder und ihre Lebenswelt doch so fern, daß wir Kindern zutrauen sollten selbst zu wissen, was für sie gut ist. Zumal man gerade das am besten lernt, wenn man es übt. Soweit die Theorie. Als einer der Gäste nach der ersten Zeile im Winkelhaken keine Lust mehr hatte und auf den Hof verschwand, war ich im ersten Moment doch enttäuscht. Aber man kann einem Erwachsenen wohl sagen, daß manche Arbeit am Anfang schwer ist und er durchhalten möge und ein Lohn sich einstellen werde. Spricht man so zu einem Kind und baut womöglich Druck auf, riskiert man, manifeste Ablehnung zu provozieren. Also hielt ich die Klappe und übte mich nach Kräften in Langmut. Dieses Vorgehen wird an unseren staatlichen Schulen leider nicht in Erwägung gezogen, da eine Lehre im Lehrplan steht, die sehr eingeschränkte Begriffe von Bildung und Ordnung hat und keinen von Freiheit, Persönlichkeit und Eigensinn. Sicherlich ist schon herausgeklungen (und habe ich im letzten Beitrag ausgeführt), wie wenig mir die Pädagogik als Wissenschaft oder Methode einleuchtet. (Meine Diplom-Arbeit als Sozialpädagoge habe ich über die Mißlichkeit des Erziehungsgedankens im Vollzug der Untersuchungshaft von Jugendlichen geschrieben.) Und nun ergab sich meine durch antipädagogische Theorie leicht zu gewinnende Einsicht, daß wir zwischendurch immer mal wieder eine Eichelschlacht auf dem Hof und dergleichen einlegen mußten, weil meine Gäste ein stärkeres Bedürfnis nach Bewegung hatten als etwa Design-Studenten.

Wir haben mit meiner Langmut-Übung und ohne Streß immerhin binnen fünf halben Tagen ein Büchlein in Broschurform angefertigt. Grundlage ist ein Gedicht von Christian Morgenstern: „Neue Bildungen, der Natur vorgeschlagen“ (siehe Fotos). Diesen Text haben wir durch eigene Schöpfungen ergänzt, was den Titel des Werkes, genauer: die Autorenzeile erklärt. Er ist gesetzt aus Futura schmalhalbfett, Futura Buch und Steiler Futura. Die Morgenstern-Zeilen innen sind in braun gedruckt, unsere Erfindungen blau. Das nächste Bild zeigt links drei Morgenstern-Zeilen in Garamond und rechts drei Schöpfungen von uns in Schreibmaschinenschrift und Futura schmalmager. Meine Seitenplanung geriet schnell durcheinander, nicht nur wegen der amüsanten Ablenkungen, sondern weil ich in der Werkstatt auch immerzu auf alle möglichen Gefahrenquellen achten mußte und Sicherheitsbelehrungen wiederholen. (Es ist auch kein Unfall passiert.) Aber als Handwerker ist man an Improvisation gewöhnt, so daß das Büchlein zwar nicht wie geplant, aber ausreichend adrett entstehen konnte.

Das nächste Foto zeigt magere und dreiviertelfette Futura. Danach links die „Gier(!)affenschlange“ in magerer Pracht-Antiqua und rechts Morgensternzeilen in schmalfetter Pracht-Antiqua mit einem Linolschnitt. Geplant hatte ich, daß die Praktikanten den Linolschnitt anfertigen, aber das Material ist so hart, daß ich für den Walfischvogel selbst zu den Messern griff. Inzwischen hatten sich die beiden die Arbeit klassisch geteilt: Malte war als Schriftsetzer tätig. Er fand sich im Setzkasten erstaunlich schnell zurecht. Die Lettern liegen darin in etwa 125 Fächer verteilt. Freilich mußte Malte nicht wissen, wo die Buchstaben mit Akzenten liegen, aber er merkte sich sehr fix, wo er die häufigsten Typen finden würde. Luca arbeitete an der Presse als Buchdrucker. Es gibt an meiner Maschine eine Schwachstelle: Der Walzenlauf ist etwas ungünstig konstruiert, die Walzen springen an einer Stelle, wenn man den Hebel ohne Feingefühl führt. Luca hatte das bald intuitiv im Griff. Das etwas schwierigere Einrichten der Druckform oblag mir. An der Papierschneidemaschine arbeiteten wir zu dritt. Es handelt sich dabei um die einzige moderne Maschine meiner Werkstatt, eine große Wohlenberg mit Lichtschranke, so daß Unfälle mit dem Messer ausgeschlossen sind. Freilich stand ich beim Schneiden immer dabei. Und das Einbinden mit Nadel und Garn erledigte ich am Ende allein, eine Woche ist für ein solches Projekt nicht viel.

Auf dem nächsten Bild ist die Gänseschmalzblume aus Excelsior (Englische Schreibschrift/Anglaise) gesetzt, darunter eine halbfette kursive Fundamental. Rechts die Unger-Fraktur, über die ich früher schon geschrieben habe. Sie ist so gut lesbar wegen ihrer Nähe zu unserer Antiqua. Der Linolschnitt drückt erstens durch, weil das Papier sehr lichtdurchlässig ist (geringe Opazität), und ein bißchen Farbe hat auch abgezogen, wir hatten einfach nicht genügend Trockenzeit in der einen Woche. Auf der letzten Seite das Impressum in kursiver und gewöhnlicher Garamond.

Zu Hause haben wir einmal versucht zu pokern, weil die Jungs pokern wollten. Die Regeln dafür fanden wir im Internet, aber sie erschienen uns zu kompliziert. Außerdem fehlte es uns an Geld. Doch wozu waren wir täglich in einer Offizin? Geld an sich ist bekanntlich schnöde, aber es ist eine Art Urkunde für einen Tauschwert und wird deshalb oft fein entworfen. Wie die fette Schrift auf unserem Foto heißt, weiß ich leider nicht. Werde mal im Forum des Bleisetzers fragen. Solche häßlichen Schriften nannten wir in der Druckerei Rapputan, wo ich früher Schriftsetzer war, Klamottenschriften. Das erscheint mir heute noch mir passend.

Aktualisierung: Das Bleisetzer-Forum wird von einem Kenner der Bleisatzschriften gelesen, der mir nun schrieb: “Die gesuchte “50 Euro”-Schrift heißt Belvedere, von der Bauerschen Gießerei. Entwerfer war Heinrich Wieynck 1906.”

Als ich mich bei Luca und Malte erkundigte, wie die Bank denn heißen solle, die unsere Note herausgibt, sagte Luca sofort: „Bescheuerte Bank“. Dies deuchte uns nach kurzer Beratung überaus geeignet.

Mit dem Pokern hat es dann nicht recht geklappt, weil wir keine vernünftigen Regeln erfinden konnten. Luca hat öfter versucht, Einkäufe und Museums-Billetts mit unserem Geld zu bezahlen, aber die Note der Bescheuerten Bank fand keine Akzeptanz. Obwohl der Name dieser Bank aus der Chevalier gesetzt ist. Formen einer solchen Schrift finden sich auch auf der Dollar-Note.

Gearbeitet habe ich in dieser einen Woche freilich nicht. Nur ein paarmal kam Kundschaft, um Ware abzuholen, die ich in der Vorwoche gedruckt hatte, wobei auch das Foto von uns dreien entstand, für das wir Susanne Fleck herzlich danken. In der Werkstatt habe ich vor Trubel das Fotografieren schlicht vergessen.

Ich war etwas in Sorge, daß meine beiden unbefangenen Gäste zuviel mit meinen Kunden reden würden, interne Betriebsangelegenheiten ausplaudern, aber meine Kunden waren von meinen Gästen sehr angetan. Ich hatte bald das Gefühl, es wäre förderlich fürs Geschäft, zwei freundliche Buben Konversation treiben zu lassen. Meine Kunden schauten sich an, wie weit es die Papierflieger auf der Straße brachten und ließen sich auch Mitbringsel aus dem Naturkundemuseum vorführen.

Mir war nach einer Woche wieder einmal deutlich geworden, welches Vergnügen den Erwachsenen in ihrer abgeschlossenen Arbeitswelt entgeht, wenn sie Kinder in einer abgeschlossenen Schulwelt aufbewahren und sich nur abends treffen. Und für Kinder wäre es freilich auch interessant, mehr von der Arbeitswelt mitzubekommen. Zwar spielt sich Arbeit viel im Büro ab, aber ich fand es als Kind absolut großartig, wenn mich meine Eltern in ihre Büros mitnahmen: meine Mutter, die ein Bilderbuchlektorat leitete, in den Kinderbuchverlag Berlin, mein Vater, Mitglied der Chefredaktion, in die Redaktion der NBI (Neue Berliner Illustrierte). Ich konnte mich dort frei bewegen und lernte viele Leute und ihre Arbeitsplätze kennen. Am aufregendsten war, als mich ein Fotograf der Illustrierten mit in ein Museum nahm, wo ich schwarzen Stoff hinter Vitrinen hielt, damit er blendfrei fotografieren konnte. Mit eitel Freude betrachtete ich die Bilder später in der Illustrierten – und fand vor allem den schwarzen Hintergrund überaus gelungen. Und ich hatte eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was meine Eltern tagsüber anstellten.

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Kommentare

  1. mischa gerloff am 9. Dezember 2007 # :

    Hallo, Herr Schröder,

    - das paßt ja :-) Ich hatte am vergangenen Freitag das Vergnügen, im Mainzer “Druckladen” (http://www.zeitenwende.com/gutenberg/) bei einem Kindergeburtstag dabei zu sein. Sieben Jungen und ein Mädchen, alle um die zehn Jahre, waren dort 2,5 Stunden – und ich überrascht, wie konzentriert und begeistert die bei der Sache waren.

    Nach einer kurzen Einführung zum Gebrauch von Rollen, Pressen, Lettern und Klischees konnten die Kinder losdrucken. Dabei hatte man noch Gruppen gebildet: Die eine begann beim klassischen Satz mit genügend großen Lettern, lustigen Klischees und RGB als Farben. Da auch zwei Handpressen vorhanden waren, gab es eigentlich nie Wartezeiten; und Klischees und Lettern wurden danach ohne Murren gereinigt. Besonderer Knüller war eine Bibelseite aus der Gutenberg-Bibel, die an einer Kniehebelpresse mit Hilfe der Erwachsenen gedruckt wurde, um das Blatt danach noch mit einem Gutenberg-Profil an der Handpresse zu versehen. Da konnte ich auch nicht widerstehen :-)

    Die zweite Gruppe begann beim künstlerischen Druck mit Frottagen; der Höhepunkt war hier ein Mainzer Kanaldeckel mit Wappen, der mit den drei Grundfaben abgerieben sehr tolle Farbnuancen brachte.

    Ich hatte vorher doch Bedenken, ob die Kinder sich dafür so begeistern würden – schließlich nutzen alle Computer zu Hause. Aber ich habe wohl selten mit so viel Freude den Ausruf “Cool!!!” vernommen :-)

    Daß nach den 2,5 Stunden dann draußen erst mal getobt wurde, ist natürlich verständlich.

  2. Jürgen Göndör am 11. Dezember 2007 # :

    Hi Martin Z. Schröder,

    durch Zufall bin ich bei meinen Streifzügen durchs Internet auf Ihren interessanten Blog zum Druck mit Kindern gestoßen.

    Ich selbst betreibe die Internetseite: http://freinet.paed.com zur Freinet-Pädagogik. Freinet war ein Reformpädagoge und hat die Druckerei als wesentliches Element in seine Pädagogik eingeführt (er hat das nicht erfunden). Der ‘Schuldruck’ war für ihn ein Mittel, ‘den Kindern das Wort zu geben’, es den Kindern zu ermöglichen, ihre eigenen Texte (freie Texte) nicht nur auf eine Tafel oder ein Blatt Papier zu kritzeln, sondern gestaltet zu drucken. Die Kinder haben diese Texte dann in eigenen Büchern gesammelt. Ebenso wurden Ausarbeitungen der Schüler (zum Thema selbst aber auch zum methodischen: Wie sind wir zu unserem Ergebnis gekommen) gedruckt und in der Klassenbibliothek aufbewahrt. so konnte zu einem späteren Zeitpunkt wieder darauf zurückgegriffen werden.

    Heute gibt es noch einen Verein der Schuldrucker, eine ganze Reihe von Druckwerkstätten – auch an Universitäten.

    Schuldruck: http://www.schuldrucker.de/
    Druckwerkstätten: http://freinet.paed.com/freinet/fzen.php?action=fzen3

    Literatur: http://freinet.paed.com/freinet/frlit.php?action=druck

    Zur Geschichte des Schuldrucks besonders: Herbert Hagstedt: Schriften zur Freinet-Pädagogik, Kassel 2001, Reihe Werkstattberichte, Heft 5, Bezug über die ‘Forschungsstelle für Freinet-Pädagogik’, Universität Kassel

    Ich werde einen Link zu Ihrem Blog setzen.

    Mit freundlichen Grüßen

  3. MZS am 11. Dezember 2007 # :

    Vielen Dank für die interessanten Beiträge! Schön an der Buchdruckerei ist ihre Vielfalt, die sich sehr rasch im Handeln zeigt: Schriftsprache, Geometrie (bevor gerechnet wurde, hat man ja schon Geometrie auch in der Buchkunst getrieben), Rechnen, Chemie (Schriftmetall, Farbe, Papier), Physik (Druck) und Kunst und Geschichte sowieso. Eine Buchdruckerei ist auch ein Laboratorium, schade, daß es nicht mehr Schuldruckereien gibt. Aber die Freien Schulen und neue Elterngenerationen werden die Schule vielleicht mehr verändern als alle Pisa-Albernheiten zusammen. Ich hab immer wieder mal Kinder unterrichtet (im Sinne von: in Kenntnis gesetzt), was stets höchst erfreulich war. Ab und zu bekomme ich Besuch von früheren Schülern.

  4. Jürgen Göndör am 11. Dezember 2007 # :

    Das Schöne an der Druckerei ist, daß die Themen, die Sie nennen nicht extra in den Unterricht eingebracht werden müssen, sondern ganz natürlich da sind und so auch ihren Sinn haben. Sie kommen dann wirklich in der Welt der Kinder vor und helfen dann auch, diese Welt besser zu verstehen und transparenter zu machen. – Was man vom Schulunterricht nicht immer behaupten kann.

    Vielen Dank jedenfalls für den Hinweis. Das hat mir im Zusammenhang mit dem Konzept eines Englisch-Unterrichts, bei dem die ganze Schule jede Woche 2 Stunden englisch spricht, noch mal vor Augen geführt, daß nur das, was in der Welt der Kinder auch vorkommt, mit dem sie leben und arbeiten, eine Chance hat interessant und damit auch gelernt zu werden.

    Von daher müßte der Spruch der Reformpädagogik: Mit Kopf, Herz und Hand umgemodelt werden: Mit Hand, Herz und Kopf.

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