Gute Worte gesucht
In den vergangenen Jahren habe ich zum Jahreswechsel eine Karte angeboten, hier eine Übersicht. Die Texte dafür zu finden, hat mich einigen Aufwand gekostet, denn ich sammle keine Zitate und merke mir keine Textstellen. Letztes Jahr war der Goethe-Kenner Gustav Seibt so freundlich, mir einen Text zu finden. Nun denk ich mir, ich könnte einmal die Leser meines Internet-Magazins fragen, ob sie einen Text kennen, der sich für eine Jahreskarte eignet. Dies ist also eine Ausschreibung.
Gesucht wird für die Karte der Druckerey zum Jahreswechsel ein deutschsprachiger Originaltext (keine Übersetzung), dessen Autor siebzig Jahre tot ist, um Urheberrechtsverletzungen auszuschließen. Er muß also vor 1940 gestorben sein. Der Text soll Zuversicht ausstrahlen, gern auch Heiterkeit. Humor ist ebenso gern gesehen wie Weisheit (beides gehört ohnehin zusammen). Es darf aber auch rührend sein. Die bisherigen Karten zeigen einen ungefähren Maßstab des Anspruchs. Wessen Textauswahl gedruckt wird, der bekommt zwölf der Karten mit Kuvert als Preis kostenfrei zugesandt. Texte, die mir für eine Karte geeignet erscheinen, werden auf eine solche gedruckt, und deren Einsender werden ebenso honoriert. Die Jury bin ich. Und Einsendeschluß ist, wenn ein Text gefunden wurde. Vorschläge bitte ich in die Kommentare zu setzen.

Loeko am 6. August 2010 # :
Neujahrs Gedicht
Rainer Maria Rilke (1875-1926)
Wir
wollen
glauben
an
ein langes Jahr,
das uns gegeben ist,
neu,
unberührt, voll nie gewesener Dinge,
voll nie getaner Arbeit,
voll Aufgabe,
Anspruch und Zumutung.
Wir wollen sehen,
dass wir’s nehmen lernen, ohne allzu viel fallen zu lassen
von dem
was es zu vergeben hat, an die, die Notwendiges, Ernstes und
Großes von ihm verlangen.
S. Winterberg am 8. August 2010 # :
Wie wäre es mit Joachim Ringelnatz?
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Silvester
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Daß bald das neue Jahr beginnt,
spür ich nicht im geringsten.
Ich merke nur: Die Zeit verrinnt
genauso wie zu Pfingsten.
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Die Zeit verrinnt. Die Spinne spinnt
in heimlichen Geweben.
Wenn heute nacht ein Jahr beginnt,
beginnt ein neues Leben.
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oder auch vom gleichen Dichter
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Was würden Sie tun,
wenn Sie das neue Jahr regieren könnten?
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Ich würde vor Aufregung wahrscheinlich
die ersten Nächte schlaflos verbringen
Und darauf tagelang ängstlich und kleinlich
Ganz dumme, selbstsüchtige Pläne schwingen.
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Dann – hoffentlich – aber laut lachen
Und endlich den lieben Gott abends leise
Bitten, doch wieder nach seiner Weise
Das neue Jahr göttlich selber zu machen.
MZS am 8. August 2010 # :
Recht herzlichen Dank! Alle drei kommen in die engere Wahl für eine Zweitkarte zu Neujahr. Für die Hauptkarte ist mir ein Text lieber, der Neujahr nicht erwähnt, so wie in den vergangenen Jahren.
Gerhard Wagner am 9. August 2010 # :
Mein Vorschlag von Goethe:
“Es betrügt sich kein Mensch, der in seiner Jugend noch so viel erwartet. Aber wie er damals die Ahndung in seinem Herzen empfand, so muß er auch die Erfüllung in seinem Herzen suchen, nicht außer sich”.
Florian am 9. August 2010 # :
Da wüsste ich doch eine Stelle, die dem Prinzipal sicherlich gefiele (allerdings ist der Autor, ich weiß, nur bei sehr großzügiger Aufrundung schon sieben Jahrzehnte tot …):
»Kürzlich träumte mir, ich flöge über eine runde, zarte Eisfläche, die dünn und durchsichtig war wie Fensterscheiben und sich auf- und niederbog wie gläserne Wellen. Unter dem Eise wuchsen Frühlingsblumen. Wie von einem Genius gehoben, schwebte ich hin und her und war über die ungezwungene Bewegung glücklich. In der Mitte des Sees war eine Insel, auf der ein Tempel stand, der sich als Wirtshaus entpuppte. Ich ging hinein, bestellte Kaffee und Kuchen und aß und trank und rauchte hierauf eine Zigarette. Als ich wieder hinausging und die Übung fortsetzte, brach der Spiegel, und ich sank in die Tiefe zu den Blumen, die mich freundlich aufnahmen.
Wie schön ist’s, daß dem Winter jedesmal der Frühling folgt.«
MZS am 9. August 2010 # :
Goethe gehört freilich zu den Hausgöttern der Druckerey, ich danke schön. Daraus könnt man was machen, vielleicht nicht zu Neujahr. Aber vielleicht doch. Ich überlege. Goethe war schon zweimal. Vielleicht ist bei Stifter was zu finden, dem zwar jüngeren, aber altertümlicheren Dichter, der ebenfalls ein von mir angebetetes Werk hinterließ.
Robert Walser möchte ich in sechzehn Jahren sehr gerne und immerzu drucken, ich danke auch für diese Worte. Leider, leider darf ich da noch nicht ran.
Fontane fällt mir eben ein, kennt jemand eine schöne Fontane-Stelle? Ich hab heute was von ihm gedruckt, wenn auch nicht zu Neujahr. Zeige ich demnächst.
S. Winterberg am 9. August 2010 # :
Das Wunderbare an Ihrer Idee ist ja, dass sie einem Anlass gibt, einmal wieder den einen oder anderen Lyrikband aufzuschlagen. Hier noch ein paar Fundstücke des heutigen Tages. Mit herzlichen Grüßen!
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Unter Zeiten
Das Perfekt und das Imperfekt
tranken Sekt.
Sie stießen aufs Futurum an
(was man wohl gelten lassen kann).
Plusquamper und Exaktfutur
grinsten nur.
–Christian Morgenstern
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Winternacht
Es war einmal eine Glocke,
die machte baum, baum.
Und es war einmal eine Flocke,
die fiel dazu wie im Traum.
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Die fiel dazu wie im Traum….
Die sank so leis hernieder
wie ein Stück Engleingefieder
aus dem silbernen Sternenraum.
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Es war einmal eine Glocke,
die machte baum, baum.
Und dazu fiel eine Flocke,
so leise wie im Traum.
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So leis als wie ein Traum.
Und als vieltausend gefallen leis,
da war die ganze Erde weiß,
als wie von Engleinflaum.
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Da war die ganze Erde weiß, als wie von Engleinflaum.
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–Christian Morgenstern
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Betrachtung der Zeit
Mein sind die Jahre nicht die mir die Zeit genommen /
Mein sind die Jahre nicht / die etwa möchten kommen
Der Augenblick ist mein / und nehm’ ich den in acht
So ist der mein / der Jahr und Ewigkeit gemacht.
–Andreas Gryphius
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Neujahrsgebet
des Pfarrers von St. Lamberti zu Muenster
aus dem Jahre 1883
Herr, setze dem Überfluß Grenzen
und lasse die Grenzen überflüssig werden
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Lasse die Leute kein falsches Geld machen
und auch das Geld keine falschen Leute
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Nimm den Ehefrauen das letzte Wort
und erinnere die Männer an ihr erstes.
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Schenke unseren Freunden mehr Wahrheit
und der Wahrheit mehr Freunde.
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Bessere solche Beamte, Geschäfts- und Arbeitsleute,
die wohl tätig, aber nicht wohltätig sind.
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Gib den Regierenden gute Deutsche
und den Deutschen eine gute Regierung.
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Herr, sorge dafür, daß wir alle
in den Himmel kommen – aber nicht sofort.
–Hermann Kappen
MZS am 9. August 2010 # :
Ich merke, daß ich jetzt bei jedem Text, den ich nicht sofort drucke, ein schlechtes Gewissen kriege, wegen der Mühe, den Text auszusuchen und hier hereinzuheben.
Ringelnatz und Morgenstern sind wunderbar, haben aber das Pech, das sie die Dichter sind, deren Texte im Bleisatz von Generationen überstrapaziert wurden. Man findet sie in jeder bibliophilen Sammlung, ihnen ist der Reiz des Seltenen abhanden gekommen. Mit meinen Schülern habe ich eine Reihe Morgenstern-Gedichte gesetzt und gedruckt. Und als Kind habe ich mich über Ringelnatz schief gelacht, etwa darüber, wie Kuddeldaddeldu Rotkäppchen erzählt oder über das Ostergedicht mit den vielen eiförmigen O. Heute suche ich deshalb das Abseitige, das ein bißchen mehr Arbeit verlangt, um es zu genießen, das heute umständlich klingt und dessen Schönheit man nur findet, wenn man es langsam und mehrmals liest. Man hat mehr davon, will mir scheinen.
Der kleine Gryphius-Vers ist sehr schön, aber so etwas wie der leider wegen Urheberrecht nicht druckbare Walser-Text in Kommentar 5, so etwas schwebt mir vor.
Schwierig. So eine Neujahrskarte ist wirklich schwierig.
Ich danke aber sehr für jeden Beitrag. Ich werde mir die Kommentare ausdrucken und in die Werkstatt legen. Dann kommt zum einen oder andern eines Tages auch eine typografische Vorstellung.
S. Winterberg am 10. August 2010 # :
Ein schlechtes Gewissen brauchen Sie selbstverständlich überhaupt nicht haben, denn es war ja ein regelrechtes Vergnügen in die Federwelt einzutauchen!
Florian am 10. August 2010 # :
Es gibt ja auch einen ›anderen‹ Morgenstern,
jenseits der bekannten Verse, zum Beispiel:
Neuschnee
Flockenflaum zum ersten Mal zu prägen
mit des Schuhs geheimnisvoller Spur,
einen ersten schmalen Pfad zu schrägen
durch des Schneefelds jungfräuliche Flur –
kindisch ist und köstlich solch Beginnen,
wenn der Wald dir um die Stirne rauscht
oder mit bestrahlten Gletscherzinnen
deine Seele leuchtende Grüße tauscht.
MZS am 10. August 2010 # :
Das ist allerdings sehr schön und nehme ich in die engere Wahl. Ich danke sehr!