RIP
I
„Lieber Herr Schröder, Sie können zwar sehr gut schreiben, aber leider überhaupt nicht denken.“ Von wem läßt sich ein 23jähriger so etwas zur Einleitung einer Belehrung sagen, ohne zu grollen und zu schmollen? Von jemandem, den er uneingeschränkt bewundert.
II
Vor zwanzig Jahren war ich als angehender Journalist auf einem internationalen Kinderschutzkongreß in Hamburg. Der Titel eines Vortrages elektrisierte mich: „Kinderschutzideologien der Moderne“. Wer Kinder schützen will, kann damit Ideologien auf den Leim gehen? Kinderschutz selbst kann ideologisch sein? Nach dem Vortrag, den ich nicht ganz verstanden hatte, dessen gedankliche Freiheit und Kühnheit und sprachliche Brillanz aber unübersehbar funkelten, ging ich zur Referentin, stellte mich vor und bat um eine Kopie des Textes. Neben mir wollten andere Journalisten ihn auch. Wer bekam das Manuskript? „Hier, weil Sie aus dem Osten sind.“ Der jüngste vom unscheinbarsten Medium: Ich arbeitete damals für ein Magazin der Initiativen zur Gründung von Waldorfschulen in der DDR namens „Metamorphose“. Als ich dann ein paar Monate später selbst einen kinderrechtlichen Kongreß in Berlin zu organisieren begann, rieten mir Kollegen, die freche Referentin aus Hamburg als intellektuelle Antipädagogin einzuladen. Ich rief sie an, und unsere erste Begegnung unter vier Augen war der Beginn einer Freundschaft.
III
Katharina Rutschky ist gestern gestorben. Mich trifft das nicht unvorbereitet, aber dennoch hart. Unsere Freundschaft bestand lange aus uneingeschränkter Bewunderung und Folgsamkeit meinerseits und aus Fördern, Schenken, Belehren durch Frau Rutschky. Ich lernte ein bißchen denken, weil sie mir zeigte, wie man das macht. Ich lernte, Tatsachenbehauptungen skeptisch zu betrachten. Und ich lernte am praktischen Beispiel, wie ein erfahrener kluger Mensch einen jungen fördert, ihm Wege zeigt, Türen aufstößt und später auch, wie man sich, ohne Herzlichkeit zu verlieren, ohne sich zu entzweien, mit Anstand distanziert, wenn einer Freundschaft ein paar ihrer Pfeiler abhanden gekommen sind.
Vor einiger Zeit war Frau Rutschky mit ihren drei Patentöchtern in meiner Werkstatt, um praktisch etwas über das Drucken zu lernen. Und ich war wieder fasziniert von der „älteren Dame“, wie sie sich schon vor zwanzig Jahren gern nannte. Von dieser Dame, die Frau Rutschky selbstironisch, aber zugleich auf damenhafte Feinheit bedacht war, eher im Sinne einer exzentrischen Lady, die auf die Meinungen der Masse nichts gibt, sondern immer ihre eigene bildet, der die Provokation des Spießers ein Vergnügen ist. Diese Dame kam mir nun vor wie das vierte Kind in meiner Werkstatt. Sie zeigte größere Neugier als das neugierigste Kind, sie stellte die meisten Fragen, sie war am sprunghaftesten und am lustigsten und am lautesten. Es war ein Vergnügen, diesem Wirbelwind mit Kindern zuzusehen. Sie war cool, schrill, humorvoll, warmherzig und zugleich die scharfsinnigste Person, die ich jemals kennengelernt habe.
IV
Am 1. Januar haben wir das letzte Mal miteinander gesprochen. Wir wußten beide, daß nicht mehr viel Zeit bleibt, sie erwähnte es mit keinem Wort, ich erst recht nicht. Die letzte mündliche Belehrung, die ich von Frau Rutschky bekommen habe, klang in ihren Hinweisen für meine Schreibarbeit unausgesprochen mit: Wie man einen früheren Schüler noch einmal großzügig behandelt, und wie man mit Anstand und Würde das Sterben angeht. Und daß Trauer Privatsache ist.
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