Ein Gespräch übers gleichschenklige Rechtkreuz
In der jüngsten Ausgabe vom Signographischen Anzeiger habe ich nachstehendes Interview so gut gefunden, daß ich um Nachdruck im Druckerey-Blog bat, den Agnes Berreth mir freundlich genehmigte. Vielen Dank!
So sehr angetan bin ich von dem Gespräch wegen seiner Schnörkellosigkeit.
Gewöhnlich kann man entweder nach einer guten Interview-Vorbereitung die Fragen selbst beantworten. Oder man begibt sich als Ahnungsloser in ein Gespräch und läßt es laufen und schreibt hinterher einen Text daraus, der für den Leser unterhaltsam und lehrreich ist.
Das habe ich 2001 mal versucht für die Berliner Zeitung, ein Interview mit dem Mathematiker Günther M. Ziegler. Ich war anfangs ziemlich überfordert in dem Gespräch, weil ich keine Chance hatte zu verstehen, was der Mann beruflich tut, aber sehr viel Respekt davor. Er meinte, um die vierte oder fünfte Dimension zu verstehen, müsse ich erst mal ein Weilchen Mathe studieren, er könne es mir nicht einfach so erklären. Grundlagenforschung. Aber nachdem wir uns eine Weile unterhalten hatten, ging es ganz gut.
Interviews machen also furchtbar viel Arbeit, viel mehr als selber einen Text zu schreiben. Die Recherche ist intensiv, aber man muß sich die richtigen Fragen in der richtigen Reihenfolge ausdenken. Und hinterher steht man vor einer riesigen Menge Tonmaterial, das abgetippt und geformt werden muß. Oder man schreibt mit und hat Notizen, aus denen man später den Text macht. Aber wenn jemand schnell redet, ist das schwierig, und man kann den Gesprächspartner nicht anschauen, wenn man schreibt.
Aber ich schweife ab. Ganz anders als Andreas Stötzner im Gespräch mit Agnes Berreth:
Das Pluszeichen – ein Multitalent!?
Herr Stötzner, Sie haben den Startschuss zur Signographie gegeben. Was fasziniert Sie persönlich an Zeichen, speziell grafischen Zeichen?
AS: Zunächst einmal – als Graphiker ist man ja Augenmensch –, ihre besondere optische Prägnanz und Suggestivität. Daraus folgt ihre potentielle Wirkungsmacht und ihre unendliche Vielseitigkeit der Verwendung. Was das Graphische betrifft faszinieren mich die Formstrenge und die große Mannigfaltigkeit der Formvariationen.
Inwiefern sind Sie in ihrer Forschung mit dem Pluszeichen in Berührung gekommen und in welchen Bereichen außerhalb ihrer Forschung begegnet Ihnen das Pluszeichen?
AS: Die Geschichte der mathematischen Notation ist eine der interessantesten überhaupt. Das heute gebräuchliche Pluszeichen ist erstmals um 1480 in einem in Dresden aufbewahrten Manuskript nachweisbar. Das älteste bekannte typographische Vorkommen datiert von 1489. Ausgehend von seiner Bekanntheit und seiner ständigen Verfügbarkeit auf allen Tastaturen hat dieses Zeichen auch in den allgemeinen Textsatz, in Firmennamen oder -signets Eingang gefunden.
Sind das Design und die Typografie die Bereiche, die das Maximale aus visuellen und grafischen Zeichen herausholen? Wie wird speziell das Pluszeichen in diesen Bereichen genutzt?
AS: Designer sind so etwas wie Regisseure der visuellen Kommunikation. Sie sollten daher in der Lage sein, Zeichen – welcher Art auch immer – so kundig und effektiv wie möglich einzusetzen. Leider werden die dafür notwendigen umfassenden Kenntnisse praktisch nirgends vermittelt, vom traditionellen Bereich der Schrift und Typographie einmal abgesehen. »Graphische Zeichen« sind nirgendwo Lehrgegenstand. Mit dem Konzept der Signographie soll die Lücke gefülllt werden, die es hier bislang gab.
Aus dem Pluszeichen holen aber wohl die Banken das meiste heraus, zumindest bis vor kurzem … Im Ernst: das Pluszeichen ist eines der im höchsten Sinne allgemeinen und allgegenwärtigen Zeichen. Deswegen wandert es auch in andere, nichtmathematische Bereiche ab, wo es dann in veränderter Bedeutung, etwa als »und« oder auch als Symbol für »Zugewinn« oder »Mehrwert« auftreten kann. Und Gestalter spielen ja bekanntlich besonders gerne mit solchen Möglichkeiten.
Was bedeuten Zeichen und visuelle / grafische Zeichen im Allgemeinen für die Kommunikation in der Gesellschaft?
AS: Graphische Zeichen sind für die menschliche Kommunikation so elementar wie die gesprochene Sprache.
Was darf man unter dem Begriff »Pluszeichen« verstehen?
AS: Das Pluszeichen ist ein Begriffszeichen (Ideogramm), das hauptsächlich in den zwei mathematischen Bedeutungen »Addition« und »positiv« auftritt.
Beschreiben Sie kurz die Anatomie des Pluszeichens.
AS: Ein gleichschenkliges Rechtkreuz.
Benutzten Sie persönlich das Pluszeichen?
AS: So wie andere auch. Ich habe derzeit keinen ›Spezialeinsatz‹ für dieses Zeichen.
Kann man behaupten, daß das Pluszeichen ein Multitalent ist?
AS: Ich würde es nicht so formulieren. Es ist nicht ungewöhnlich, daß ein bestimmtes Zeichen (eine graphische Form) für verschiedene Bedeutungen verwendet wird. Für die kommunikative Stärke des Pluszeichens spricht, daß es im Laufe der Zeit zusätzliche Bedeutungen und Anwendungen erfahren hat, die aber notwendigerweise mit seiner ursprünglichen Bedeutung in Beziehung stehen.
Warum ist gerade das Pluszeichen so beliebt in der ganzen Gesellschaft und speziell auch im Gestaltungsbereich?
AS: Wohl, weil es eine sehr stringente, leicht schreibbare graphische Form hat und weil man damit positive Assoziationen verbindet, im wörtlich-bezeichnenden Sinne.
Wo würden Sie das Pluszeichen einreihen, unter Symbol / Index / Icon /…?
AS: Weder noch. Das Pluszeichen ist, s. o., ein Begriffszeichen, d. h. es ist sprachunabhängig verständlich und es hat keinen bildlichen Aspekt. Aufgrund seiner Erstbedeutung (Addition) kann es, in einer zweiten Bedeutungsstufe, zu einem symbolischen oder auch emblematischen Zeichen werden. Die verschiedenen Bedeutungsmöglichkeiten sind gewissermaßen ineinander verschachtelt.
Was denken Sie über die angebliche Wahrnehmungskonkurrenz von Pluszeichen und Kreuz, Stichwort Pharmakreuz?
AS: Ich würde hier nicht von Wahrnehmungskonkurrenz sprechen, kein Mensch denkt bei einem italienischen Apothekenzeichen an »Addition« oder beim Blick ins Mathebuch an »Arznei«. Aber es ist natürlich faszinierend, in wie vielen unterschiedlichen Zusammenhängen und Bedeutungen die Kreuzform vorkommt. Der Kompliziertheitsgrad einer graphischen Form steht in umgekehrt proportionalem Verhältnis zu ihrer Vorkommenshäufigkeit – die einfachsten Formen trifft man am häufigsten an, siehe Strich oder Kreis.
Doch gerade weil das Kreuz als graphisches Gerüst so vieler verschiedener Zeichen dient, sollte man die unterschiedlichen Ausprägungen sorgfältig voneinander trennen und Entwicklungsstränge und Entlehnungsvorgänge genau bedenken.
Eine angedachte Vermutung aus der Recherche heraus ist, daß das Pluszeichen das perfekte Kreuz ist, aber das Kreuz nie ein Pluszeichen sein kann? Könnte man einen solchen Zusammenhang andenken?
AS: Nein. Die Fragestellung vermengt Aspekte der Form und der Bedeutung bzw. des Gebrauchs. Außerdem müßten Sie vorher festlegen, was mit »dem perfekten Kreuz« eigentlich gemeint ist.
Es gibt viele Wissenschaftler, die den Ursprung des ‚+’ aus dem ‚et’ vermuten, unterstützten Sie diese Theorie oder haben Sie eine andere?
AS: Es gibt paläographische Befunde, wo ›et‹ in Form eines einfachen Kreuzes geschrieben wird, allerdings ist das nicht allzu häufig. Zwischen diesen und den relevanten mathematischen Nachweisen gibt es aber keine mir bekannte direkte Verbindung, also ist eine »Entstehungstheorie« wie o.g. nur hypothetisch. Es sind nämlich keine Belege dafür bekannt, daß sich das Pluskreuz im skriptiven Sinne (!) aus dem lateinischen ›et‹ entwickelt hat (so wie man das für et –> & nachweisen kann), das Kreuzchen ist eben einfach von manchem Schreiber mal so verwendet worden.
Da das Pluszeichen zuerst in Manuskripten auftauchte, ist allerdings die Annahme einer Entlehnung des Kurzzeichens + für ›et‹ nicht unbegründet. Doch Entwicklung und Entlehnung sind – besonders in der Signographie – nicht dasselbe.
Das Pluszeichen hat keinen Formwandlung durchlaufen, wie kann der Bedeutungszuwachs und der Eintritt in andere Bereiche außerhalb der Mathematik erklärt werden?
AS: Das Pluszeichen ist seit den 1480er Jahren unverändert geblieben. In duktischer Hinsicht ist es, wie alle mathematischen Operationszeichen, ein einfaches strichhaftes Zeichen geblieben, hat also keine stilistische Entwicklung erlebt wie etwa die Buchstaben oder die Ziffern.
Es sind im Laufe der Zeit z. T. andere Nutzungen des Zeichens in Gebrauch gekommen (s. o.), doch an Grundform und -bedeutung hat das nichts geändert. Ein signographisch normaler Vorgang.
Welche Vorzüge hat das Plus als eines der einfachsten Zeichen?
AS: Daß es eines der einfachsten Zeichen ist ;-) … einfach zu merken und zu schreiben.
Ein Statement zum Abschluß?
AS: Wir wissen eigentlich noch viel zu wenig über die Zeichen, die wir sehen und benutzen. Deswegen ist jede Bemühung zu ihrer Erforschung wertvoll. Grafikdesigner sollten, als ›leitende Zeichenbenutzer‹, ein besonderes Interesse daran haben, denn nur richtig verstandene Zeichen können richtig eingesetzt werden.
Ich bedanke mich und wünsche noch sehr viel Erfolg mit der Signographie, die Hefte sind ein Muß für jeden Designer.
• Dieses Interview entstand im Zusammenhang mit der Bakkalaureats-Arbeit von Agnes Berreth an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in München und wird in der Publikation »Strichwerke #1« gedruckt veröffentlicht. Mehr dazu ab Ende Juli bei agnesberreth.de. Die Bachelorarbeit wird vom vom 31. Juli bis 2. August in der Gollierstraße 4 in München präsentiert.
Das Interview wurde zuerst veröffentlicht in Nr. 4 des Signographischen Anzeigers. Signographisches Institut Andreas Stötzner, Pegau, 30. Juni 2009.
Der Signographische Anzeiger kann hier abonniert werden.
