Beinahe unterwürfig · 19. November 2007

Auch heute eingangs ein Hinweis: Dem Text Eine Klingelleiste ins Mittelalter vom 4. November hat mein Bleisatz-Lieferant einen lesenswerten Kommentar angefügt. Ich empfehle den Blog-Abonnenten, auch die Kommentare zu abonnieren.

Manchmal kommen Besucher in meine Offizin und fragen gezielt:

Haben Sie die Times? Haben Sie die Arial? Haben Sie eine venezianische Antiqua mit einer deutlich geschwänzten Majuskel R?

Könnt ich sagen: Nein, nein, nein! Aber ein Dienstleister quält sich, wenn er dieses Wort sagen soll. Also erkläre ich, vielleicht etwas umständlich, wie so eine Bleisetzerei funktioniert:

Schauen Sie, diese Regale dort tragen die Setzkästen. Kommen Sie ruhig näher, nur bitte nichts anfassen ohne zu fragen, man kann hier viel unbeabsichtigt einreißen. Also in so einem Setzkasten liegt eine Schrift. Wenn ich eine Schrift sage, meine ich hier: Eine bestimmte Schrift in einem bestimmten Schnitt in einem bestimmten Grad. Also hier beispielsweise Garamond (in der Klassifikation von Schriften nennt man sie nach ihrer Herkunft französische Renaissance-Antiqua) mager (im Unterschied zu fett) in Korpus (das ist der Name für den Schriftgrad von 10 Punkt). Und in diesem Regal sind ungefähr 15 Setzkästen. Darin liegt dieselbe Schrift in anderen Größen: Garamond mager Petit (8p), Garamond mager Cicero (12p) usw. Und in einem weiteren Schnitt, dem kursiven.

Garamond in halbfett und fett habe ich nicht, weil es in der Renaissance keine fetten Schriften gab und ich die später in fett geschnittenen Typen dieser Klasse nicht für gelungen halte.

Hier stehen zwei Regale, darin liegt nur Walbaum. In mager, kursiv und halbfett in diversen Größen. Es gibt Schriften, die haben deutlich mehr Schnitte. Beispielsweise die Futura. Ich habe nur einige Schnitte in ausgewählten Größen: schmalmager, mager, Buch, schmalhalbfett, dreiviertelfett. Halbfett und Fett und die breiten Schnitte fehlen bislang. Dafür sind zwei Raritäten vorhanden: die Steile Futura und die lichten Versalien.

Sie sehen also, wieviel Platz ich für eine Schrift benötige. Dazu hindert auch der Preis an uneingeschränkter Beschaffung. Bleischriften kauft man nach Gewicht. Ein Kilo Neuschrift kostet knapp 100 Euro. In einem Setzkasten können bis zu 15 Kilo Schrift liegen. In einem Regal können bis zu 15 Setzkästen stecken mit liegender Schrift und 15 weitere sogenannte Steckschriftkästen (für größere Grade), die schwerer sind, deren Inhalt aber einen geringeren Kilopreis hat.

Während ich so spreche, rechnen meine wirtschaftskundigen Besucher im Kopf mit und erkundigen sich, wie lange eine solche Schrift denn hält. Darauf kann ich wenig erwidern, denn es kommt auf den Gebrauch an und wie man mit der Schrift umgeht. Man kann sie sicherlich einige Jahrzehnte gut einsetzen.

Jetzt geht den Besuchern auf, wie wenig großen Reichtum an Schriften sie hier vorfinden. Aber bedeutet das auch Armut in den Entwürfen?

Im Frühjahr 2006 schwärmte das Fachmagazin „Publishing Praxis“ nach Besichtigung meiner Arbeiten: „Und wenn man die Entwurfsvielfalt sieht, mag man wirklich kaum glauben, dass hier niemand mit der »Gold-Edition« von Linotype zugange war.“

Einschub 1: Die Gold-Edition der Foundry (engl. Gießerei) Linotype enthält knapp 4000 Schriften und kostet etwas mehr als 7000 Euro.

Einschub 2: Der 1854 in Hachtel (Württemberg) geborene Uhrmacher Ottmar Mergenthaler erfand in Amerika die erste Setzmaschine, die 1886 fertig war. 1890 wurde die „Mergenthaler Linotype Company“ in New York gegründet. Heute vertreibt die Firma digitale Schriften.

Weiter im Text: Ich erkläre meinen an der Schriftenvielfalt berechtigt zweifelnden Besuchern, daß ich aus jeder von mir für wichtig gehaltenen Stilepoche eine der schönsten Schriften im Bestand habe und darüber hinaus einige Zierschriften, beispielsweise Federzug- und Pinselschreibschriften. Der Eindruck der typografischen Vielfalt wird durch im wesentlichen fünf Schriften hergestellt, gelegentlich ergänzt durch zwei bis drei weitere und selten ergänzt durch einen Bestand von über 20 Ausnahmeschriften, dazu durch Druckfarben und Papiere. Entscheidend wirkt die Typographie, der Entwurf, also das Format einer Drucksache und die Stellung und der Satz des Textes darauf. Nicht mehr als das tägliche Brot des Schriftsetzers.

Und dann könnte ich noch darauf hinweisen, daß jede Schrift aus zwei Alphabeten besteht, den großen und den kleinen Buchstaben (Versalien & Gemeine oder Majuskeln & Minuskeln). Und daß die Schriftgröße als wichtiges Merkmal der Unterscheidung von Inhalten dient. Die Entscheidung für die Schrift Garamond mager enthält also noch Differenzierungen in die beiden Alphabete sowie die Größe. So entwickeln sich, schaut man genau hin, aus gering scheinenden Mitteln umfangreiche Möglichkeiten für den Entwurf einer Drucksache. Und gerade die Beschränkung auf wenige Schriften übt die sparsame, effiziente Differenzierung.

Zugleich entsteht ein enges Verhältnis des Typografen zu seinen Schriften. Nach meiner Erfahrung benötige ich etwa zwei Jahre, um mich mit einer neuen Schrift vertraut zu machen. Nicht jeder Auftrag bringt alle Eigenheiten einer Schrift ans Licht. Wenn man beispielsweise erst nach drei Jahren einmal den Ortsamen Wegfurt in kursiver Schrift setzt, wird man auch erst dann sehen, wie sich die Unterlängen des g und des f zueinander verhalten. Da kann nämlich eine unschöne Lücke entstehen durch Kollision der Unterlängen, die in entgegengesetzte Richtungen aufeinander treffen. Kommt dann mal ein Herr in die Werkstatt, der seinen Namen Siegfried aus kursiver Garamond wünscht, kann man ihn gleich richtig beraten, ihm eine andere Schrift empfehlen oder zeigen, wie der Name in Versalien aussieht.

Während sich ein enges Verhältnis zwischen Schriftsetzer und Schrift bildet, werden nicht nur die Schwächen einer Schrift deutlich, auch ihre Schönheit vermittelt sich oft erst allmählich. Schrift ist zwar auch an sich schön, ein einzelner Buchstabe kann für sich allein dem Kundigen das Wasser der Rührung in die Augen treiben. Seit ich bei Axel Bertram gelesen habe, daß die geraden Linien in der Didot leicht durchgebogen sind, nur um noch gerader zu erscheinen, schaue ich auch einzelne Buchstaben genauer an.

Aber wirklich erhebend ist für mich eine Drucksache wie das Zertifikat, das ich einmal für einen Berliner Geigenbaumeister gedruckt habe. Der Mann baut Geigen nach traditionellen italienischen Vorbildern und wollte diesen Instrumenten, an denen er sehr lange arbeitet, auch Urkunden beifügen, in denen ihre Eigenheiten genau beschrieben werden. Ich hatte also ein Formular zu entwerfen und zu drucken, das den Charakter der Instrumente unterstreicht. Ich habe diesen Vordruck aus der Walbaum gesetzt, die zwar eine deutsche Type ist, aber als solche doch die Antwort auf die italienische Bodoni, und zwar eine der schönsten und zudem leichter lesbar. Dazu sparsam zeitgenössischer Zierrat im Federzug-Duktus aus der Zeit um 1800. Gute Typographie hat hier absolut dienende Funktion. Der Typograf muß fast unterwürfig denken: Wie kommt der Inhalt zum Tragen, der Zweck des Unternehmens, und wie bringe ich die Schriftkunst am angenehmsten zur Geltung, so daß der Unkundige sie nicht als aufdringlich bemerkt und der Kenner ihrem visuellen Piano mit Vergnügen folgen kann. Seit dieser Drucksache zähle ich die Walbaum, die eine mitunter störrische Schrift ist, zu meinen Lieblingen. Ich werde in den nächsten Tagen eine Arbeit zeigen, in der ich sie eingesetzt habe.

Und dann war es ja (jetzt muß ich noch einen Absatz verplaudern) ein Vergnügen, die Herren Geigenbaumeister und Bogenbaumeister in der Werkstatt zu haben. Als wir drei da so standen, alle noch nicht alt und in den besten Jahren des Handwerkens und Wirkens, jeder an seiner Stelle in seinem Fach, da beschlich mich eine Ahnung davon, was das Handwerk einmal für eine herrliche Macht gewesen sein muß, und zwar nicht in Hinsicht auf Zünfte und Kammern, ich habe für solche Verwaltungseinheiten nichts übrig, sondern durch das Gefühl von Könnerschaft, das man teilt, jeder als ein Berufener in seinem Beruf: Es ist die Macht über sich selbst, die freiwillige Unterordnung unter ein Handwerk, das man so lange ausübt, dessen Gesetzen man sich unterwirft bis man beginnt es zu beherrschen und seine Kraft und Herrlichkeit als Diener einer Tradition zu verwalten und zu entwickeln. Bevor mich jetzt ein Herzkasper beherrscht, verwickelt und entwaltet und ich pathetisch dahinscheide, scheide ich für heute von den Tasten.

— Martin Z. Schröder

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Eine Klingelleiste ins Mittelalter · 4. November 2007

Wenn mein Drucker-Kollege mir einst zurief: „Martin, bring mir mal ’ne Achtel auf fünf“, dann war das Berufssprache. Als ich in den 1990er Jahren Sozialarbeiter im Gefängnis war, lernte ich, was ein „Vormelder“ ist: Ein Formular, auf dem der Gefangene seine Wünsche mitteilt, beispielsweise ein Gespräch mit dem Sozialdienst anmeldet. Als ich später für Tageszeitungen als Journalist arbeitete, sprach man davon, daß Artikel „heute mitgehen“, womit man meinte, daß sie morgen in der Zeitung („im Blatt“) stünden. Und ein „Zwiti“ ist eine kleinere Überschrift im Text, ein „Zwischentitel“. So etwas kennt nicht nur jeder, der einen Beruf ausübt, auch andere Gruppen entwickeln eigene Sprach-Elemente. Kinder unter sich beispielsweise sind manchmal für Erwachsene ohne ständigen Kinder-Kontakt kaum zu verstehen. Und auch zwischen manchem Herr und Hund entwickelt sich eine eigene Art der Verständigung. Wie Gruppen funktionieren und wie wir unsere sozialen Rollen in unterschiedlichen Umgebungen ausfüllen, weiß man seit dem Klassiker „Homo Sociologicus“ von Ralf Dahrendorf.

Interessant wird Berufssprache, wenn sich etwas mehr als die Gepflogenheit einer Vereinfachung dahinter verbirgt. „’ne Achtel auf fünf“ heißt in der Buchdruckerei, im Bleisatzgebiet: die Reglette (eine Bleischiene, die als Zeilenabstand benutzt wird) in der Stärke eines typografischen Punktes und der Länge von 11520 Punkten. (Korrektur am 17. Mai 2010 nach Kommentar Nr. 5: 240 Punkte, nicht 11520, wie bin ich darauf nur gekommen? Also 5 Konkordanz à 48 Punkt sind 240 Punkt.) Der typografische Punkt (p) ist die kleinste Maßeinheit der Typografie. Dabei ist bis heute Punkt nicht gleich Punkt. Aber zu dieser Geschichte ein andermal mehr.

Früher wurden Schriftgrade nicht in Punkt angegeben, sondern hatten eigene Namen. Im Duodezimalsystem, das auf der 12 beruht (im Gegensatz zum Dezimalsystem mit der 10 als Bezugszahl), hatten 12p den Namen Cicero: benannt nach einer 1466 gedruckten Ausgabe mit Briefen Ciceros in dieser Schriftgröße. Solche Hintergründe machen die Sprache interessant, wenn nämlich Kultur- und Zeitgeschichte sich darin spiegeln.

Andere Schriftnamen wie etwa „Nonpareille“ (6p) erklären sich selbst: Ohnegleichen. Sie war im Spätmittelalter die kleinste und noch gut lesbare gedruckte Schrift. Warum nun der Grad „Petit“ (die Kleine, 8p) so wichtig ist, daß er für die oben genannte „Achtel“ herangezogen wurde, das weiß ich nicht. Vielleicht liest dies jemand, der helfen kann? Wenn damals der Drucker von mir etwas in der Stärke einer Achtel haben wollte, meinte er nämlich die Stärke von einem Punkt, woraus sich ja ergibt, daß Petit (8p) die Bezugsgröße für den Begriff war. Warum nur? Außer daß Petit ein Drittel von zwei Cicero ist, fällt mir dazu nichts ein. Ein Schriftsetzer hat übrigens das Kopfrechnen für einige Zahlenreihen besser drauf als für andere: mit 6, 8 und 12 wird viel gerechnet.

Und mit der „fünf“ in der Formulierung waren fünf Konkordanz gemeint. Die nächstgrößere Maßeinheit. Also: 12p = 1 Cicero, 4 Cicero = 1 Konkordanz. Das sind knapp 2 Zentimeter. Der auch aus der Literaturwissenschaft bekannte Begriff leitet sich aus der Bibeltypografie ab, wo diese schmale Satzbreite für die Konkordanz genannten Verzeichnisspalten bestimmt wurde.

Wer sich also im alten typografischen Maßsystem des Bleisatzes bewegt, hat sozusagen die Klingelleiste des Mittelalters vor Augen und kann jederzeit ein Türchen zu einem Wissensgebiet öffnen. Wenn man sich seinen Beruf so zu eigen machen kann, entwickelt man große Zuneigung. Jedenfalls mir geht es so: Ich fühle mich in einem Kontinuum, ich führe eine Sache weiter, ich bin im Bleisatzgebiet zu Hause – und entdecke darin immer wieder neue Kämmerchen.

Heute spielen diese Begriffe für zeitgemäße Gebrauchsgrafiker und Typografen keine Rolle mehr. Das ist kein Verlust. Die Möglichkeiten des Computer-Satzes sind viel feiner, als daß es Sinn ergäbe, jeder Schriftgröße einen Namen zuzuordnen. Die alten Begriffe gehören ins alte Handwerk, sie wären heute eher hinderlich als hilfreich. Und es ist zugleich nichts als sehr hübsch, ein paar Nischen zu wissen, wo die Klingelleiste ins Mittelalter noch benutzt wird.

— Martin Z. Schröder

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Unger-Fraktur analog und digital · 27. Oktober 2007

Der obere Schriftzug im Foto kommt aus dem Tintenstrahldrucker, der untere aus dem Tiegel. Unten Bleischrift, oben die digitale Version von Delbanco. Es handelt sich um eine 8p-Schrift (Petit), die hier also sehr stark vergrößert gezeigt wird. Deswegen auch die Fransen am Tintenausdruck.

Die Unterschiede gehen nicht auf eine Abnutzung der Blei-Type zurück, die kleinen Grade der Unger-Fraktur waren tatsächlich ein eigener Schnitt, also weiter in den Punzen (Binnenräumen), auch weniger kantig, im g wurden Brüche getilgt.

Das zweite Bild zeigt drei Bleilettern. Ab Korpus (10p) ist die Fraktur im g wieder zu sehen, die aus dem Petit-Grad für Lesbarkeit rausgebügelt wurde. Aber auch einige andere Dinge wurden in der digitalen Version verändert, ein paar sind im oberen Foto rot markiert. Die Schrift läuft in Petit digital deutlich enger, ist aber auch weniger gut zugerichtet als die in Blei: “digi” steht enger als “ital”. (Alle Fotos lassen sich durch Klick vergrößern.)

(Den Schmitz an der Unterlänge vom g habe ich erst später beseitigt, das ist ein Foto vom Andruck.)

— Martin Z. Schröder

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