Der Poet – ein Holzstich von Hans-Joachim Behrendt · 1. März 2017

Anläßlich einer Ausstellung von Werken von Hans-Joachim Behrendt in dem im Jahr 2008 von Pierre Becker gegründeten Design-Studio TA-TRUNG (Link zeigt Bilder der Ausstellungseröffnung) in Berlin-Mitte druckte ich einen Holzstich Behrendts nach, der neben anderen vor fast fünfzig Jahren angefertigt wurde für eine illustrierte Ausgabe des von Gerhard Wolf zusammengestellten »Dreistrophenkalender« des wunderbaren Dichters Georg Maurer.

Der Künstler hat den Stich überarbeitet, beispielsweise die regnende Wolke etwas aufgehellt. Es ist in der Holzstichgeschichte wahrhaftig ungewöhnlich, daß ein Künstler nach so langer Zeit einen Stich überarbeitet für eine neue Auflage. Auf dem Foto sieht man neben dem Buch zwei Kontrollabzüge.

Holzstich zu drucken, ist eine anspruchsvolle Arbeit. Das Druckbild soll so wiedergegeben werden, wie es sich der Holzstecher vorgestellt hat. Technisch ist es nicht zu schwer, sofern man vom Künstler geprüfte Handabzüge aus der Werkstatt des Künstlers zur Kontrolle hat und nicht den Stock untersuchen muß, wo Schraffuren stehen und wo Flächen und wie groß kleine Punkte sind. Es kommt darauf an, daß alle, auch die kleinsten weißen Stellen weiß bleiben und nicht mit Farbe zulaufen. Es gibt in jedem Bild empfindliche kleinste Punkte, die man dazu als Referenz für Farbauftrag und Preßdruck im Auge behält. In diesem Stich sind es die Augen des Einflüsterers, in denen winzige Lichtreflexe weiß erhalten bleiben müssen. Der Drucker muß dafür die Farbe in einen günstigen Zustand versetzen. Er macht sie dünner mit speziellem Drucköl oder fester mit Bologneser Kreide oder gummiartigen Zusatzstoffen. Jeder Zusatzstoff vermindert den Anteil der Pigmente, deshalb muß man sehr sorgfältig damit umgehen und sich mit winzigen Mengen an den Idealzustand der Farbe herantasten. Ich habe von Herrn Behrendt inzwischen gelernt, worauf es ankommt. Beeinflußt wird der Farbauftrag auch von den Walzen und dem Druckvorgang selbst, nämlich vom Zustand der Walzen (sie dürfen keine Patina haben, die die Farbe abstößt), davon, wie oft die Walzen über den Stock rollen (nicht rutschen dürfend), auch von der Geschwindigkeit des Abrollens und natürlich von der Menge der Farbe. Die Konsistenz der Farbe ändert sich mit ihrer Bewegung. Man läßt die Maschine gut einlaufen, so daß die Farbe geschmeidig wird. Mit dem Preßdruck ist man sparsam, damit der Stock, wenn er auch aus Hartholz ist, nicht abgequetscht wird. Es darf also nicht geprägt werden, sondern der Druck muß durch die Zurichtung so ausgewogen sein, daß Flächen und niedrige Stellen (Holz arbeitet) den meisten Druck bekommen und nicht die Außenränder, wie es physikalisch von allein geschieht, wenn eine harte Fläche auf eine weiche drückt.

Das ist der Holzstich. Auch Druckstock genannt.

Hinter den Stock wird Material gelegt, um ihn auf Schrifthöhe zu bringen. Es gibt flache Stöcke, die auf Metall aufgeklebt werden müssen, andere benötigen Papierschichten. Bei der Gelegenheit wird der Stock (oftmals mehr oder weniger verzogen und so gut wie nie rechtwinklig) auch parallel gestellt zum Aufzug.

Man tastet sich Papierfetzchen für Papierfetzchen an ein Druckbild mit gleichmäßig schwachen Außenkanten heran.

Nun wird auf der Gegenseite, dem Tiegel, ein doppelter Aufzug angebracht und auf dem unteren vorsichtig das Druckbild abgezogen. So kann man später die Zurichtung aus Seidenpapier genau aufkleben – unter den abdeckenden Aufzug, der glatt und straff darüber gezogen wird. Manchmal wird dieser Aufzug auch angefeuchtet, damit er besonders eng anliegt und den Druckbogen nicht hebt. Diesen angefeuchteten Aufzug, der beim Trocknen straff wird, heißt man auch einen»nassen Straffen«. Ich habe es noch nie probiert und kenne das nur aus Büchern. Falls ein Kollege dies liest und mich gern aufklären möchte, wie man den Aufzug anfeuchtet (im Stapel über Nacht wie Papier für den Tiefdruck oder einfach nur mit einem Schwamm, vor oder nach dem Zurichten und wie lange er zum Trocknen braucht, um sich zu straffen), würde es mich freuen.

Auch wenn das Foto unscharf ist, erkennt man doch einige von den Seidenpapieren, die sich auch überlappen. Sie dürfen nicht geschnitten werden, weil scharfe Schnittkanten, womöglich mit einem Grat, sich im Druckbild zeigen würden. Auch präzise gesetzte Seidenpapierstücken werden gerissen, wie hier die Gesichtszeichnung der Augen. Das braucht natürlich alles viel Zeit, gelegentlich auch zwei oder mehr Versuche für eine Stelle. Das Zurichten heißt, die Schwachstellen des Bildes mit der Lupe aufzuspüren und auszugleichen. Volle Tonflächen ohne Schraffur sollen manchmal schwarz sein, nämlich wenn sie für einen schönen Bildkontrast nötig sind und helle Stellen zum Strahlen bringen sollen. Manchmal ist es aber auch reizvoll, die Volltonflächen etwas aufreißen zu lassen und einen leichten Grauschleier zu bewirken. Der Drucker sollte also den Künstler und dessen Bildsprache, auch seine Absichten und Wünsche ein wenig kennen.

Das Original wurde gedruckt auf Echt Bütten von Zerkall. Das ist ein echtes Vergé mit Wasserlinien, die bei schwachem Preßdruck sichtbar werden. Die Rippen dagegen, die vom Schöpfsieb in der Durchsicht des mit Steinen polierten und sehr glatten Papiers deutlich zu sehen sind, beeinflussen das Druckbild nicht. Das unterscheidet echtes Vergé von dem heute lieferbaren gerippten Papier, dessen Rippenstruktur durch Walzenprägung in die nasse Bahn eingebracht wird und die Oberfläche rippt und aufrauht. Die Qualität des Druckbildes kann ich in einem komprimierten Foto für das Internet kaum wiedergeben. Die Druckauflage von etwa 80 Exemplaren wurde von Hans-Joachim Behrendt kontrolliert und signiert. Die Druckqualität schwankt etwas, es gibt hellere und kräftigere Drucke. Bei einer so kleinen Auflage bekomme ich einen Heidelberger Tiegel nicht zu einem gleichmäßig befriedigenden Farbauftrag. Den hätte ich nach vielleicht 200 Drucken allmählich eingestellt. Aber alle Abzüge genügen den Ansprüchen des Künstlers, sonst hätte er seine Unterschrift nicht dafür gegeben. Schlechte, vor allem zu dunkle Drucke habe ich vorher aussortiert.

Aus der Bildvergrößerung läßt sich ahnen, wie fein Hans-Joachim Behrendt sticht (unter dem Mikroskop) und wie genau und wie oft der Drucker das Bild prüft (ich tue das mit einem sog. Aplanat, einer verzerrungsfreien und farbechten Lupe, auch das war eine Lehre von H.-J. Behrendt).

In der Maurer-Ausgabe wurde der Stich vom Künstler koloriert, dann aber leider erstens gekontert (seitenverkehrt gedruckt) und zweitens auch noch vergrößert, was für Druckgrafik ein völliger Unsinn, ein banausisches Tun ist, weil die feinen Reize des Details vergröbert werden und die Reproduktion, die ohnehin unter der Umsetzung ins gerasterte Offsetdruckverfahren leidet, somit weitgehend scheitert. Dieses nebenstehende Bild habe ich mit Buntstiften koloriert. Es wurde zur Eröffnung verkauft und dazu vom Holzstecher (der Gefallen daran fand) und von mir signiert. Mir hat das ein großes Vergnügen bereitet; und daß jemand den nur zur Ansicht ausgestellten Druck kauft, hatte ich nicht erwartet, umso mehr hat es mich gefreut. (Das Bild wurde rasch mit dem Handy aufgenommen, deshalb der Rotstich.)

Ich habe gleich einen neuen koloriert, der natürlich etwas anders ausgefallen ist. »Malen nach Zahlen« wäre mir zu stupide, dazu wird man mich nicht bekommen. In diesem Bild muß man sich schon überlegen, welche Elemente wie farblich zusammengestellt werden sollen. Es gibt dafür sehr viele Möglichkeiten.

Dies sind zwei Vergrößerungen.

In den nächsten Tagen werde ich diesen Stich, sowohl die Originaldrucke als auch den kolorierten, in den Online-Shop stecken. Der Preis für die Druckgrafik wird bei vielleicht 25 Euro liegen, das kolorierte Bild wird um 50 kosten. Immer wenn ein koloriertes verkauft ist, mache ich ein neues. Ich empfehle aber durchaus, es selbst einmal zu versuchen. Man kann ja zwei Stiche kaufen, falls es mißlingt. Oder sich eine Kopie ziehen für die ersten Versuche. Interessant wird es übrigens mit Aquarellfarben. Denn der Buntstift dämpft die dunkle Druckfarbe, wo er sie übermalt. Die Farbe auf Wasserbasis geht nicht auf die fetthaltige Druckfarbe und läßt sich deshalb scharf abgrenzen.

— Martin Z. Schröder

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Gib Gummi? · 12. September 2008

Manchmal besuchen mich ehemalige Buchdrucker. Ich freue mich, wenn ich Tips bekomme, denn ich bin ausgebildeter Setzer, das Drucken habe ich mir selbst beigebracht. Ich habe früher gerne zugeguckt, durfte manchmal auch selbst Hand anlegen und habe Fachbücher gelesen. Der Rest ist Versuch und Irrtum. Also freue ich mich über Tips.

Da kommt einer rein, man redet ein bißchen, der Kollege tritt an die Maschine. “Der Aufzug ist zu hart, mach ihn etwas weicher, schonst du die Schrift.”

Aufzug wird genannt, was hinter dem zu druckenden Material liegt. Also eine Visitenkarte kommt nicht auf den blanken eisernen Tiegel, sondern auf den Aufzug, der aus mehreren Schichten besteht, aus Pappe, Papier und vielleicht auch einem Gummituch.

Wenn einer an die Maschine kommt und mir gleich sagt, was der Aufzug alles angeblich ist, zu hart, zu dünn oder zu weich, ohne daß er die Druckform kennt, winke ich innerlich schon ab und ziehe nur noch ein freundliches Gesicht. Und ich frage mich, was da wieder für ein Experte vor mir steht und ob der seinen Gesellenbrief wohl aus einem Knobelbecher geklaubt hat. Denn der Aufzug muß immer an die Druckform, ihre Größe und Beschaffenheit angepaßt werden.

Ein weicher Aufzug enthält ein Drucktuch, eine Art Gewebe oder ein Gummituch oder ein Tuch, das aus Gewebe und Gummi besteht. Der harte Aufzug besteht nur aus Glanzpappe oder Karton und Papier. Man kann aber auch in einen harten Aufzug derart viel Papier stopfen, daß er “schwammiger” wird als ein weicher. Eine Weile dachte ich, daß es sich um eine Glaubensfrage handeln muß, weil mir Buchdrucker alles mögliche erzählten und sich widersprachen und ich nicht wußte, wer nun recht hat.

Dann aber habe ich meine Nase noch einmal ins Lehrbuch für Buchdrucker gesteckt und mir die ganze Sache zum x-ten Male genau angesehen. Der Haken ist der: Wenn man eine kleine Fläche auf eine größere drückt, wird sich der Rand der kleinen Fläche desto mehr einprägen, je weicher die große Fläche ist. Hat man zum Beispiel einen kreisrunden, ausgefüllten Stempel mit Farbe versehen und drückt ihn auf eine weiche Lage Papier, so wird der Kreis außen scharf ausdrucken und innen vielleicht gar keine Farbe übertragen. Man muß also den Druck so lange erhöhen, bis der Kreis auch innen voll ausgedruckt ist, wobei man aber den Druck auf die Außenkanten enorm verstärkt.

Wenn man eine Fläche aus Buchstaben druckt, eine Kolumne, sorgt der weiche Aufzug mit hohem Druck dafür, daß alles gut zu lesen ist. Nimmt man einen harten Aufzug, werden jene Buchstaben, die stärker abgenutzt sind als andere, nicht drucken. Der weiche Aufzug reguliert diese Unregelmäßigkeiten. Aber die Außenkanten der Fläche nützen sich dabei sehr stark ab. Der harte Aufzug macht mehr Arbeit: Die schlecht druckenden Stellen müssen auf dem Aufzug und hinter der Druckform zugerichtet werden. Schichtenweise wird feines Seidenpapier hinter Aufzug oder Schrift oder beides geklebt, um den Druck an bestimmten Stellen zu erhöhen und insgesamt den Druck der Flächen aufeinander zu egalisieren. Das kostet Zeit — und Nerven.

Neulich brachte mir ein sehr sympathischer Buchdrucker im Ruhestand Gummitücher mit und erklärte mir, wie er sie einsetzte. Er hat erst ein Gewebe in den Aufzug gelegt, das Gummi enthält, dann ein Gummituch mit einem Gewebekern und darüber eine harte Folie, damit der Aufzug elastisch ist, aber zugleich an der Oberfläche hart bleibt zur Schonung der Schrift. Das hörte sich großartig an, und ich stellte den Aufzug so her.

Man merkt einer Schrift nicht gleich an, wie stark sie abgenutzt wird und sich die Serifen (Füßchen an den Buchstaben) abrunden bis sie verschwinden. Dazu braucht es mehr als ein paar hundert Drucke. Wie der Aufzug auf die Schrift wirkt, sieht man aber an der Schattierung. So wird das Relief genannt, das sich auf der Rückseite des Druckbogens durch die leichte Prägung der Buchstaben abzeichnet. Die Schattierung auf einem 300g/m² starken und mit hohem Volumen versehenen Karton darf praktisch nicht zu sehen sein. Man prüft sie, indem man die Karte in einem spitzen Winkel ins Licht hält, so daß die Erhebungen theoretisch lange Schatten werfen müßten. Schatten wären freilich katastrophal, man darf nur Andeutungen von Erhebungen erkennen. Nun hatte ich mit meinem harten Aufzug aus Karton und Papier nicht einmal Andeutungen von Schattierung auf der Rückseite der Karte, wohl aber mit dem weichen Aufzug aus zwei Tüchern und der Folie. Die Erfindung ist also für Schriftdruck untauglich, weil man trotz der harten Folie mehr Druck geben muß, damit die Schrift scharf und komplett ausdruckt.

Im Bilderdruck kommt man ohne Gummituch kaum aus, aber für Schrift werde ich sie tunlichst meiden. Ich kenne die Schriften aus solchen Druckereien, wo man auf die Schattierung nicht achtet. Man richtet den Bestand binnen weniger Jahre zugrunde. Die Schriften sehen auf den ersten Blick gut aus, haben wenig Farbe gesehen und wurden keine tausendmal gedruckt. Erst unter der Lupe erkennt man den Schaden: die Serifen sind wie abgeschliffen. Meine Schriften verwende ich zum Teil seit fünfzehn Jahren und kann damit immer noch excellenten Ausdruck herstellen.

Ich frage mich nur: Warum gab es früher so wenige wirklich gute Drucker? Ich habe, als ich angestellter Setzer war, einen Kollegen gehabt, der ausgezeichnet druckte und mir manchen Trick zeigte, und ich hatte auch schon Drucksachen von Kollegen aus anderen Druckereien in der Hand, auf denen die Schattierung nur als Hauch zu finden war. Aber oft bekommt man Akzidenzen in die Finger, die schon fast als Prägung durchgehen können. Und dann denke ich mir: So, Kollege, richtest also deinen Schriftenbestand und damit immerhin auch heute unersetzbares Kulturgut zugrunde und bist auch noch stolz drauf. Und dann möchte ich nur noch das Weite suchen.

Übrigens kann man eine deutliche Prägung erreichen, ohne die Schrift zu quälen. Man nimmt ein sehr weiches Papier, am besten Echt Bütten, und macht es naß. In der Presse schmiegt es sich fast von allein um die druckenden Elemente. Man muß den Druckbogen hinterher allerdings unter Preßdruck trocknen, so wie Tiefdrucker das mit Kupferstich oder Heliogravüre und dergleichen machen. Der Aufwand wäre für Akzidenzen zu hoch, und das Ergebnis ist in meinen Augen auch fragwürdig. Berufsbedingt betrachte ich geprägte Akzidenzen als Kitsch, da bin ich bis in den Geschmack hinein meinem Beruf und seiner Historie verpflichtet: In Gutenbergs Werkstatt wurden die nassen Druckbogen geglättet, später verwendte man dazu Wäschemangeln, weil man ja noch die Rückseite bedrucken mußte. Um Namen von Menschen dreidimensional wiederzugeben, gibt es Steinmetze. Zu Lebzeiten wirkt der geprägte Name so lächerlich wie ein goldener Anzug.

Der freundliche Kollege mit den Gummitüchern, die ich für Bilderdruck einsetzen werde, hat mir auch noch einen Trick beim Bronzieren verraten. Über das “Vergolden” dann beim nächsten Mal mehr.

— Martin Z. Schröder

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Entstehung einer Visitenkarte · 26. Oktober 2007


Wie entsteht Herrn Theofels Visitenkarte? Am Anfang jeder Drucksache steht der Entwurf. Manchmal bekomme ich sehr genaue Angaben („Bitte keine Schnörkelschrift!“), manchmal auch sehr vage Informationen („Ich bin eher ein Sommertyp.“). Hin und wieder kommt jemand mit fertigen Vorlagen, zu denen entweder der Bleisatz nicht paßt, weil mir eine Schrift nicht zur Verfügung steht oder die typografisch nicht den in meiner Offizin geübten Regeln der Schwarzen Kunst entsprechen. Meine Kunden können sicher sein, daß ihre Visitenkarten typografische Qualität zeigen. Es kommt selten tatsächlich vor, daß ich zu einem Auftrag „Njet“
sagen muß, weil ich mit dem mitgebrachten Entwurf nicht in Verbindung gebracht werden möchte. Nicht etwa, weil er vielleicht nicht konservativ ist oder mir nicht gefiele, sondern weil er nicht gut genug ist. Es gibt viele Druckereien, die jede gelieferte Vorlage umsetzen, da sollte ein Akzidenzer alten Schlages zu jenen Felsen in der Brandung gehören, die es auch in der digitalen Typo-Welt gibt. Wo König Kunde Schmeichler um sich schart, regiert der Unverstand.

Aber von Ausnahmen soll heute nicht die Rede sein. Herr Theofel und ich tasteten uns in mehreren E-Mails und Telefonaten an den Entwurf heran, unterwegs wurden alle Fragen beantwortet und Entscheidungen gefällt. Beispielsweise: Soll die Karte zweiseitig bedruckt werden? Bei Geschäftskarten rate ich davon immer ab, denn man kann sie nicht vernünftig benutzen, wenn man sie in ein Album steckt oder unter eine Glasplatte schiebt oder an eine Pinnwand heftet: eine Seite bleibt versteckt, und der Benutzer ist eher verärgert, wenn er nicht alle Informationen in den Blick bekommen kann. Die Privatkarte oder ein verspieltes Modell darf alles. Sie darf zu groß sein, sie darf auch quadratisch sein, sogar unhandlich. Und manchmal wird eine Absicht mit dem zweiseitigen Druck verfolgt. Herr Theofel begehrte eine private Karte, deren eine Seite rein repräsentativem Zwecke dient und deren Kehrseite alle Daten auf einen Blick zeigt.

Sind die Entwürfe hinsichtlich Schrift, Druckfarbe, Papier geklärt und wurde das Imprimatur erteilt (Es werde gedruckt!), stelle ich den Satz her. Jede Letter wird einzeln in den Winkelhaken (Metallschiene zum Sammeln der Typen) gesetzt (deshalb: Schriftsetzer) und mit Blindmaterial (das nicht mitdruckt) zur Zeile ausgeschlossen (aufgefüllt).

Wenn der Satz fertig ist, wird er in den Schließrahmen gestellt und die Druckform eingerichtet. Nun der Andruck, also der erste Abzug. Dann die erste Korrektur. Die Maschine wird eingestellt, Druck und Farbe werden reguliert. In das Schwarz kommt ein bißchen Rotbraun, damit es auf dem leicht getönten Papier satter wirkt. Der zweite Druck. Neuerliche Korrektur und so fort, bis die Akzidenz aussieht wie sie soll.

(Ja, bei der Korrektur soll die Ahle nicht in die Form und der Schlüssel nicht steckenbleiben. Bevor Kollegen protestieren: Hier praktiziert jemand, der vor 26 Jahren zum ersten Mal eine Type zwischen die Finger genommen und eine Form geschlossen hat. Weder zerkratze ich Buchstaben noch fällt mir der Schlüssel auf den Satz. Ich hab mein Lehrgeld an dieser Stelle schon bezahlt; wenn der Schlüssel steckenbleibt, dann sitzt das Schloß so, daß es nicht kippen kann. Wenn ich mit Anfängern arbeite, bekommen diese eine Ahle erst einmal gar nicht in die Hand.)

Herr Theofel wünschte sich, daß man der Drucksache ihre handwerkliche Herkunft ansieht. Schwierig. Es soll ja über mich als Drucker nicht heißen, ich arbeite unsauber. Das war auch für meinen Kunden einzusehen, auch er wollte sich ja nicht vielleicht einmal anhören: Wo ham Sie denn drucken lassen, das is ja nachlässje Arbeit! Aber weil wir eine zeigende Hand als Ornament in den Entwurf gebracht haben und hier eine gewisse Auswahl besteht, habe ich eine ganz leicht schadhafte eingesetzt und diese nicht bis zur Perfektion zugerichtet. (Zurichten nennt man im Druck die Ausarbeitung des Aufzuges und der Druckform für ein perfektes Druckbild.)

Nun ist der sog. Schöndruck (die erste Seite) fertig. Danach wurde die Druckform gereinigt und wieder auseinandergenommen. Der Satz bleibt stehen, bis mein Kunde seine Karten empfangen hat. Danach lege ich die einzelnen Lettern wieder in die Setzkästen ab. Die Karten trocknen jetzt drei Tage, denn der Widerdruck (die Rückseite) trifft auf bereits von vorn bedruckte Stellen, d.h. dort muß die Farbe trocken sein, damit sie nicht erst auf den Aufzug abfärbt und von dort auf die nächste Karte. Heute werden oxydativ schnell trocknende Farben eingesetzt, bei mir heißt es noch: Die Farbe trocknet auf dem Papier, nicht auf den Walzen, d.h. ich verwende meistens „wegschlagende“ (ins Papier einziehende und dort trocknende) Farben. Nur bei Eilaufträgen wird Spezialfarbe eingesetzt.

Und so könnte ich noch lange weiterplaudern, aber jetzt reicht es erst mal. Der Drucker prüft mal die Buchhaltung … Solange werden die Karten erst einmal trocknen.

— Martin Z. Schröder

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