Der Goethe zum Jahreswechsel · 21. Oktober 2011

Mein Verbindungsmann zu Goethe, der Historiker und Journalist Gustav Seibt (also nicht dieser, auch nicht dieser, und dieser nur vielleicht, aber auf jedenfall dieser), hat mich auf einen schönen Text für die diesjährige Karte zum Jahreswechsel hingewiesen. Eben wieder Goethe. Und ich habe mir die Erlaubnis erschlichen, einen Text von Gustav Seibt, der am 5. Juli 2011 in der Süddeutschen Zeitung stand, hier nachzudrucken. Zuerst einmal der Goethe nach der Müncher Ausgabe:

Liegt dir Gestern klar und offen,

Wirkst du heute kräftig frei;

Kannst auch auf ein Morgen hoffen

Das nicht minder glücklich sei.

Dufte, knorke und schnafte wird man es heißen müssen, wenn der Drucker nicht nur einen Goethe reproduziert, sondern auch noch eine interessante Erklärung dazu liefert, und wer ist dazu besser berufbar als der Privatgelehrte Seibt? Also ließ sich der gutmütige Mann mit seinem Text in mein Blog zerren:

Das britische Weimar

Dass Goethe nie in England war, dass der Verfasser der „Wahlverwandtschaften“ keinen der Gärten betreten hat, deren symbolische Form er immerhin im Wörlitzer Park, ihrem deutschen Abkömmling, bewundern lernte, ist vielleicht kein Unglück, aber doch schade. Dass das Kontaktverbot durch Napoleons Kontinentalsperre ihn daran hinderte, von Jane Austen Kenntnis zu nehmen, aber ist einfach ärgerlich. Bezeichnen die Bücher der Britin nicht den nächsten Punkt der zeitgenössischen Literatur zu den „Wahlverwandtschaften“, dem Eheroman im Landschaftsgarten?

Wer das Landhaus von Stourhead betritt, am Rande eines der schönsten dieser Gartenkunstwerke, wird von einer Sammlung überrascht, die so Goethe-nah wirkt, als habe sein Kunstberater Meyer sie zusammengestellt: Hackert, Angelika Kauffmann, Mengs sind da vertreten, aber auch Poussin und Ruisdael und viele Italiener, von der Familie Hoare über Generationen von ihren Grand Tours nach Hause gebracht. Ist nicht eher hier das „britische Weimar“, und nicht in Edinburgh, wo es der junge Thomas Carlyle, Goethes schottischer Altersfreund, vermutete? Seit 1824 sandte Carlyle Aufsätze, Bücher und Übersetzungen zur deutschen Literatur nach Weimar, und Goethe war für die „schriftliche Unterhaltung von meiner Fireside zu der Ihrigen“ – also von Kamin zu Kamin – so dankbar, dass die Familie des Schotten mit Buchgeschenken, Stickereien, Bildern aus dem Frauenplan geradezu überschüttet wurde. „German Romance“, ein „Leben Schillers“ – das waren handgreifliche Beweise fürs Entstehen jener „Weltliteratur“, die Goethe als Austausch unter Lebenden verstand, nicht als Kanon.

Zu seinem letzten Geburtstag 1831 erhielt er aus England ein Siegel, das ihm fünfzehn Schriftsteller, darunter Scott, Wordsworth und Carlyle, widmeten. Die Schrift darauf war deutsch: „Ohne Rast, doch ohne Hast“. Der Beschenkte sah darin vor allem einen Ausdruck des Geistes der schenkenden Engländer, da die Maxime „im Grunde ihr eigenes Tun sehr gut ausdrückt“: „Tätigen Sinn, das Tun gezügelt;/ Stetig Streben ohne Hast“ – so wiederholte ein kleines Dankgedicht den Spruch. Es verwundert nicht, wenn man in Thomas Carlyles späterem Londoner Haus, das in Chelsea liegt und wundervoll erhalten ist, über dem Kamin auf ein handschriftlich gewidmetes Porträt Goethes stößt, unter das dieser eine seiner liebsten Maximen gesetzt hat: „Liegt dir Gestern klar und offen,/ Wirkst du heute kräftig frei;/ Kannst auch auf ein Morgen hoffen/ Das nicht minder glücklich sei.“

Der Kern seelischer Gesundheit ist hier in eine Faustregel gefasst. Denn was versucht jede Psychotherapie? Sie klärt das Gestern, verdrängte Traumata und Neurosen, sie will damit den arbeits- und liebesfähigen Menschen wiederherstellen und ihn stabil machen fürs künftige Leben. Wie es um einen selbst bestellt ist, erfährt man, wenn man Goethes Verse mit Fragezeichen versieht: Liegt dir Gestern klar und offen? Hm. Wirkst du heute kräftig frei? Tja. Kannst du auf ein Morgen hoffen, das nicht minder glücklich sei? Das ist die Frage!

Und sie passt nach England, zu Carlyle, der Goethe weniger als Dichter denn als Lebenslehrer verstand, bereits auf der Bahn zu jenem demokratiekritischen Heroismus, der die Menschheit mit dem Appell „Arbeiten und nicht Verzweifeln“ aufmunterte. Ein seltsames Denkmal ist dieses Carlyle-Haus! Gegenüber von Goethes Bild hängt ein Porträt Friedrichs des Großen, für dessen achtbändige Biographie Carlyle den preußischen Orden pour le Mérite und ein Dankschreiben von Kronprinz Friedrich, dem späteren Hundert-Tage-Kaiser, erhielt. Der Weg führte von Weimar nach Berlin, und er widerlegt die Behauptung, die Bahn vom Humanismus zum Machtstaat sei ausschließlich eine Angelegenheit Deutschlands. An Thomas Carlyles Fireside hat man sie auf wenigen Quadratmetern vor Augen. GUSTAV SEIBT

Ich habe den Spruch seit Juli mit mir herumgetragen, ihn mal klar und mal spröde gefunden, lange keine Vorstellung gehabt, wie man ihn denn einmal ohne die Walbaum und auf Mitte setzen könnte. Und schließlich kam ich auf den Gedanken, den Text als Inschrift zu nehmen. Wie gemeißelt, als in Stein gehauene Devise, unter der man hindurchgehen kann, vom Gestern ins Heute. Die Erler-Versalien und die Trump-Gravur kamen in die engere Wahl, weil sie als lichte Schriften für den räumlichen Eindruck geeignet sind und in den passenden Größen in Blei vorhanden.

Hier sehen wir die Trump-Gravur von Georg Trump, anno 1960 erstmals gegossen in der Schriftgießerei C.E. Weber in Stuttgart. Dies hier ist ein erster Abzug. Weil die Wortzwischenräume recht eng gehalten sind, was man mit verschiedenen Mitteln in so einer Gravur ausgleichen kann, beispielsweise durch auf Mitte stehende Punkte zwischen den eng gestellten Wörtern, fiel mir ein, alle Anfangsbuchstaben zu röteln. Dies ist hier skizziert. Die Karte soll zu klappen sein, man kann also innen schreiben. Nur hängen die vier Zeilen am oberen Rand der Vorderseite etwas einsam herum, der Eindruck der Inschrift entsteht erst, wenn man zu einem zweiten Ding einen Bezug herstellen kann. Ich werde also noch irgend etwas dazunehmen müssen. Noch ist Schulterzucken, ich fiebere einem vernünftigen Gedanken entgegen. Kommende Woche sollen die Karten gedruckt werden.

— Martin Z. Schröder

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