Darlehen und Schuld · 26. Juni 2010

Um gelegentlich meine ökonomischen Kenntnisse aufzufrischen, griff ich eben zu einer Lektüre meiner Jugend, in welcher ich das ganze Taschenbuchregal meines Vaters auffraß (sicherlich zu wenig davon verdaute, aber manches in Erinnerung behielt), nämlich zu den »Humoristischen Skizzen aus dem deutschen Handelsleben« von Georg Weerth, in welchen ich mich wieder besonders erfreute an dem Brief des alten Sassafraß an den Buchhalter Lenz, den ich schon damals, als man zu ihrer Bewahrung die Buchstaben noch allein auf Papier setzte, in meine Notizen kopierte.

»Herrn Buchhalter Lenz. Dahier. (privatim)

Wohlgeborener Herr!

Das Gefühl der unaussprechlichsten Wehmut beschleicht mein Herz, wenn ich bedenke, daß ich vom Schicksal dazu ausersehen bin, eine Sache zur Sprache zu bringen, welche in den Annalen des bürgerlichen Lebens nicht ihresgleichen hat.

Mein Herr! Von einem Manne, ja noch mehr: von einem Familienvater, mit dem ich so viele Jahre lang in dem nächsten und angenehmsten Verkehr gestanden, hätte ich nie erwartet, daß er mit so bedauerlicher Hintenansetzung aller freundschaftlichen Rücksichten, aller Konvenienzen und aller merkantilischen Pflichten ein Vertrauen erwidern würde, das ich zwar noch keinem Ehrenmanne versagte, das ich aber Ihnen vor allen andern in so umfangreichem Maße bewiesen.

Die Freundschaft, mit der ich Ihnen in den dunkelsten Zeiten Ihres Lebens entgegenkam, die Achtung, die ich Ihnen sogar in den delikatesten Epochen Ihrer Karriere nicht versagte, und der Kredit, mit dem ich Sie selbst dann noch auszeichnete, als die Gefühle der Wertschätzung mehr und mehr in mir erkalteten – mein Herr! Diese wohlwollenden Gesinnungen meinerseits, ja, diese Grundpfeiler unsrer frühern Verbindung, sie sind durch Ihr rücksichtsloses Benehmen, durch Ihre unverzeihliche Leichtfertigkeit bis in ihre tiefsten Tiefen erschüttert!

Mein Herr! Sie schulden mir siebenundzwanzig Silbergroschen! –

Das Schreckliche ist gesagt. Der Alp ist gerollt von meiner Brust. Ich bewege mich freier.

Was sind siebenundzwanzig Silbergroschen!?

Eine kleine Summe allerdings; ein Tropfen in jenem ungeheuern Meere des Kredits, das belebend hin- und herüberrollt von Kontinent zu Kontinente; ein Sandkorn in jenem kolossalen Gebirge von Kapital, das die menschliche Tätigkeit, Chimborasso gleich, aufgetürmt hat zu einer Grundlage für alle fernere Entwicklung; vielleicht die kleinste Ziffer in der großen Betriebsamkeitssumme aller Völker des Erdballs. Ja, eine kleine Summe scheint in der Tat: die Summe von siebenundzwanzig Silbergroschen.

Aber wie der Lenker der Sterne dort oben in dem Blau der Unendlichkeit dem Großen seine Bahn gezeigt und dem Kleinen seine Stelle gegründet; und wie der Weise das Große als Großes zu begreifen und das Kleine als Kleines zu würdigen versteht, ja, wie jedes Ding aufhört, klein zu sein, sobald es betrachtet wird nach seiner Eigentümlichkeit, so hört auch auf, eine unbedeutende Summe zu sein, nach ihrer wahren Natur betrachtet: die Summe von siebenundzwanzig Silbergroschen.

Welches ist die wahre Natur dieser Summe? Ich will es Ihnen sagen. Mein Herr! Jene siebenundzwanzig Silbergroschen bilden ein Darlehn meinerseits und eine Schuld Ihrerseits; sie sind ein Denkmal des Höchsten, was es auf Erden gibt: des Umgangs des Menschen mit dem Menschen; sie legen Zeugnis ab von einem zugestandenen Vertrauen, von einer übernommenen Verbindlichkeit; sie sind das Resultat eines gesellschaftlichen Prozesses, der stündlich an allen Orten, verschieden nach Form und Umfang sich erneuend, das Leben der Völker schafft, der Wüsteneien in wogende Felder verwandelt, der Städte aus dem Boden zaubert und die Meere belebt mit Schiffen, ja, in ihrer sozialen Bedeutung ist eine heilig große Summe: die Summe von siebenundzwanzig Silbergroschen.

Sie schulden diese Summe! Sie sind verantwortlich für diesen Betrag! Sie werden also erlauben, mein Herr, daß ich Sie in nahe Verbindung mit dieser Summe bringe. Sie werden mir gestatten, daß ich Ihnen dieselbe vorhalte wie einen Spiegel, damit Ihre Zahlungsfähigkeit sich darin beschaut. Sie werden mir zugestehen müssen, daß ich, hervorgegangen aus einer Zeit, welche alles auf Zahlen reduziert: den Verstand, den Witz, das Talent, den Glauben, die Liebe…, daß ich, wurzelnd in der Moral eines Jahrhunderts, welche den Preis der menschlichen Tätigkeit zu dem Werte des Menschen gemacht hat, daß ich durch alles dieses berechtigt bin, Sie nicht nur als Mitglied der Gesellschaft, als Staatsbürger, als Kaufmann, sondern auch als Mensch zu messen: nach dem Maßstabe von siebenundzwanzig Silbergroschen!

Es ist entsetzlich; ich schaudre; ich verhülle mein Antlitz, – denn selbst diesem Maßstabe haben Sie nicht genügt! Wollten Sie nicht? Konnten Sie nicht? Es ist dasselbe! Sie haben nicht bezahlt – das ist die Hauptsache. – Sind Sie denn wirklich keine 27 Silbergroschen wert? Sie werden mir antworten, daß Sie mehr wert sind; daß in dem Preiskurant der Gesellschaft, in dem die Tätigkeit eines Bankiers mit einer Million, die Tätigkeit eines Philosophen mit 3 Louisdor per Druckbogen, die Tätigkeit eines Bettlers mit einem Almosen von 3 Pfennigen verzeichnet ist: Ihre Tätigkeit aufgeführt steht mit 600 Talern jährlich, für Mühe und Arbeit, daß aber die Gesellschaft, wie in so vielen andern Fällen, auch Ihren wirklichen Wert nicht hoch genug in ihrem Preise ausdrückte, kurz, daß Sie eine verkannte Größe sind, daß Sie benachteiligt wurden eben um jenes verhängnisvolle Bruchteil und daß Sie, zwar anerkannt mit 600 Talern, dennoch zugrunde gehen müssen wegen jener schrecklichen Differenz von siebenundzwanzig Silbergroschen.

In dem, was Sie sagen, steckt ein Körnchen Wahrheit. Ich gestehe es, in der Differenz zwischen Wert und Preis liegt die halbe Not unsres Jahrhunderts. Aber habe ich dies nicht stets anerkannt? Allerdings! Als Sie im Beginn unsrer Bekanntschaft jenen großen ökonomischen Fehler begingen, der Stimme der Liebe zu gehorchen, und ein edles Weib heirateten, da zerriß ich alle Ihre Schuldscheine, denn ich erinnerte mich dunkel, daß auch ich geliebt hatte und daß die Liebe keine Ökonomie kennt und keine Schuldscheine. Als Sie einige Jahre später vergebens versuchten, der Stimme der Vernunft zu gehorchen, und auf eine überschwengliche Weise zur Bevölkerung des Erdballs beitrugen, da machte ich zum zweiten Male einen Strich durch unsre Rechnung, denn ich dachte: ›Wer weiß, wozu es gut ist, daß ich diesen Kindern Strümpfe und Schuhe kaufe, auf daß sie wandern durch alle Jahrhunderte.‹ Und als Sie endlich zum dritten Male, zwar nicht ein Opfer der Liebe und der Überbevölkerung, sondern die Beute jener entsetzlichen Leidenschaft wurden, welche, ach, so viele große Geister mit den gemeinsten Schlingeln geteilt haben, da machte ich abermals tabula rasa mit Ihren Schulden, denn ich sagte mir: ›Wer weiß, ob der Trunk dieses Mannes nicht vorgesehen in der göttlichen Weltordnung und schmählich vergessen worden ist in dem Preiskurant der Gesellschaft.‹ – Aber soll ich deswegen auch verzichten auf diese siebenundzwanzig Silbergroschen?

Nimmermehr! Es hieße dem Schicksale auf die frevelhafteste Weise in den Arm fallen. Ich würde Sie abhalten, in jener Differenz zwischen Wert und Preis endlich einen Sporn zu finden für rastlose Arbeit; einen Sporn, jenen großen Männern nachzustreben, die, gezwungen von der Not des Lebens, Berge geebnet und Felsen emporgetürmt. Drum, wie das Licht von der Sonne, den Regen von der Wolke, die Stille von der Nacht und die Frucht vom Baume, so fordre ich von Ihnen Zahlung Ihrer Schuld und mahne Sie feierlichst um siebenundzwanzig Silbergroschen.

Wie können Sie zögern, abzuschütteln diese furchtbare Schuld! Wenn Sie den Fischer sehen, wie er immer wieder das Netz auswirft; wenn Sie den Jäger sehen, wie er rastlos dem Wilde nacheilt; wenn Sie den Matrosen sehen, wie er sich mutiger stets in Sturm und Gefahr begibt, und den Krieger, wie er entschlossener die Stirn dem Feinde entgegenträgt – wenn Sie alles dieses sehen, gelüstet es Sie dann nicht, ebenso unverdrossen zu fischen, zu jagen, zu segeln und zu raufen, und wäre es auch nur um siebenundzwanzig Silbergroschen!?

Ja, wie können Sie es wagen, der Welt ein Antlitz zu zeigen, auf dem in flammender Frakturschrift geschrieben steht: Keine siebenundzwanzig Silbergroschen!

Hätten Sie einen Rest von Scham in sich, wollten Sie einen Augenblick innehalten auf der Bahn des Schwindels und des Leichtsinns, sie müßten ausrufen: ›Berge, bedecket mich, Ströme, rauschet über mich, denn ein Ebenbild Gottes, ein Herr der Schöpfung gebietet nicht einmal über siebenundzwanzig Silbergroschen!‹

Das Gefühl unaussprechlicher Wehmut beschleicht mein Herz. Möge der Geist dieses Mahnbriefes Sie wachend und träumend umsäuseln. –

Von Herzen wünscht dies höflichst

Ihr

Sassafraß«

Kenner der DDR-Buchkunst sehen auf den ersten Blick, wer den Umschlag dieses Buches gemacht hat. Wer so mutig war, die beiden Georg-Weerth-Taschenbücher des Ostberliner Aufbau-Verlages im Jahr 1960 mit einer deutschen Kurrent zu betiteln, ohne Rücksicht darauf, ob vielleicht eine potentielle Käuferin Lieschen und ein potentieller Käufer Hänschen das lesen könnten. Wer diesen Buchumschlag sieht, wird verstehen, welch hohen Ansehens sich Gebrauchsgrafiker einst in unserm Berufsleben erfreuen durften, nämlich weil sie sowohl kenntnisreicher Buchgestalter, in mehreren Techniken bewanderter Illustrator als auch mit Feder wie Pinsel den Umgang geübter Kalligraf in einer Person waren. Wobei, gestehe ich sofort ein, Werner Klemke an erster Stelle der ostdeutschen Buchkunst steht und natürlich nicht allzu viele Bücher derart gelungen erscheinen wie die Mehrzahl der seinigen.

Wenn man diesen Umschlag für ein Taschenbuch sieht, wird man begreifen, wie groß die Verachtung ist, die Verlagsmenschen des vergangenen Jahrhunderts dem heutigen Tun der Verlage auf diesem Gebiet entgegenbringen (Gemäldereproduktion + gebogene kursive gesperrte Renaissance-Antiqua = Schutzumschlag) und wie gering heute die Berufsbezeichnung »Grafikdesigner« gelten muß, wenn Grafik nur noch als digitales »Zeichnen« von geometrischen Figuren um Buchstaben herum verstanden wird, was man dann als »Logo« verkauft, und wenn ein Grafikdesigner seine Tätigkeit nur noch als Anordnen versteht und mit einem Bleistift nichts anderes anzufangen wüßte, als ihn zu beknabbern.

Bei dieser Gelegenheit kann ich noch anmerken, daß mein Unverständnis groß ist, sobald ich eines Fonts ansichtig werde, der eine nachlässige oder gar schlechte Handschrift imitiert. Davon gibt es enorm viele, die tatsächlich für Geld angeboten werden. Dann denke ich: Wie armselig in seinen Fähigkeiten muß einer sein, der so etwas kauft; wie gleichgültig muß jemand sein, der so etwas zu verkaufen sucht.

— Martin Z. Schröder

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