Eine neue Schrift wird in Dienst genommen · 26. Februar 2009

Das Auspacken der Splendor mußte zügig vorangehen, denn ich habe ja einen Auftrag zu erfüllen. Auf der rechten Seite auf den beiden übereinanderstehenden Setzschiffen (so heißen diese Tabletts) stehen die ausgepackten Lettern, links ist der Steckschriftkasten zu sehen, in den sie geordnet werden. Im Steckschriftkasten stecken die Schriften der größeren Grade und solche mit empfindlichen Schriftbildern oder Überhängen, also Teilen, die über den Korpus der Letter hinausragen und abrechen könnten. Vorne die Minuskeln (Kleinbuchstaben), denn sie werden am häufigsten verwendet und kommen daher am nächsten zum Schriftsetzer. Die Ligaturen werden eingegliedert, also ff steht hinter dem f, nicht irgendwo bei den Ziffern, wo man sie während des Setzens leicht übersehen kann. ch kommt zum h, ck kommt zum k, tz zum z, ß zum s.

Auf diesem Bild sieht man: Alles ist eingeordnet, Arbeit fertig. Ein schönes Bild für den Setzer — dieser helle Glanz der reinen, gußfrischen Schrift. Auch für den Drucker. Der kann sicher sein, daß jeder Buchstabe scharf ausdruckt.

Das ist die Ackerfurche des Schriftsetzers.

Damit die Schrift nicht rutscht, wenn der Kasten aufgezogen und zugeschoben wird, legt man eine Spannleiste hinter die letzte hölzerne Trennleiste. Eine Stahlfeder wird in den Seitenwänden des Kastens verklemmt.

Und was entdecke ich, als ich den Stempel auf der Trennleiste näher betrachte? Es ist eine Klingspor-Trennleiste. Aus der Schriftgießerei Klingspor. Ich habe sie wahrscheinlich von meinem Lieferanten.

Auf der Schriftmusterkarte steht der Name der Schrift, der des Entwerfers und das Jahr des ersten Gusses. Dazu sind alle gegossenen Typen einer Schrift verzeichnet. Man kann auch ablesen, welche Grade (Größen) hergestellt wurden und welche Schriftschnitte (kursiv, halbfett, schmalmager, extrabreitfett und dergleichen) es außerdem noch gibt.

Auf der Rückseite der Karte bekommt man einen Eindruck von der Lesbarkeit der Schrift und von ihrer Zurichtung. Die Gießerei machte damit gewissermaßen auch einen Vorschlag für das Einsatzgebiet. In der Tabelle rechts kann man den Bestand der Druckerei eintragen.

Die Schriftmusterkarteikarten wurden ursprünglich vom Bleisatz im Buchdruck gedruckt, aber die Auflagen waren so hoch, daß man später die Karten im Offset reproduzierte. Jeder Schriftsetzer-Lehrling der Betriebsberufsschule in Berlin bekam eine vollständige Schriftmusterkartei der Gießerei Typoart und hatte damit alle in der DDR als neu verfügbaren Schriften zur Hand.

Die Splendor ist also ein Berliner Kind, Wilhelm Berg hat sie gezeichnet.

Die Signatur ist eine kleine Rille in der Letter, die dem Setzer zeigt, wie herum das Schriftbild steht, ohne daß er es erst anschauen muß. Die Zifferntypen sind so breit wie das Bild, das sie tragen, also die 1 ist etwas schmaler als die 2. In vielen Schriften sind alle Ziffern auf Halbgevierte gegossen, damit man damit leicht Tabellen setzen kann.

Drei Schriftschnitte. Und hier sieht man klar den Zug der Breitfeder, deren schmaler Strich mit der Breite der Feder nur geringfügig zunimmt.

Die Splendor hat zwei Versalien A, das große S gibt es auch mit Unterlänge.

Hier das Versal S im Kasten.

Es gibt zwei M, zwei N, zwei große Z und auch zwei kleine z. Daß fi und fl als Ligaturen gegossen sind, sieht man ihrem Bild in der Ligaturenreihe auf der Karte nicht an. Der Setzer kann diese Ligaturen auch setzen, wenn es den Regeln widerspricht, die sich auf das Bild beziehen, also über Wortfugen hinweg etwa.

Die ck-Ligatur, rechts daneben das l.

Diese drei Schriftmusterkarteikartensätze muß man auf der Zunge zergehen lassen. Hier werden Kunden als denkende Menschen angesprochen, die ihrer Sprache mächtig sind. Heute geht Reklame über Bild und Geräusch und spricht unsere Sinne an, nicht unseren Geist.

Ob diese Definition stimmt? Das große A wirkt fremd, hier hätte ich es nicht gesetzt wegen der Verwechselbarkeit mit dem Ort und weil das Wort Art so kurz ist, daß ich ein gewohntes Bild vorgezogen hätte. Aber man kann mit solchen Typen gerade in werbende Texte auch Stolperfallen fürs Auge einbauen.

Die Damen und der Winter haben so ihre Vorlieben. Ein Herzheilbad ersten Ranges — auf so eine Idee muß man erst einmal kommen. Warum sehe ich ein dickes rotes pochendes Herz im mit schwarzgrünem Moor gefüllten Einweckglas vor dem inneren Auge?

Man beachte, wie die Zeilen genau gefüllt sind und Wörter nicht in Silben getrennt werden. Sich solche Texte, also auf den Buchstaben genau in der Länge, auszudenken, dürfte ein paar Minuten Zeit kosten.

Eine neue Schrift muß ausprobiert werden. Es gibt Schreibschriften, sogar reich verschnörkelte, die in Versalien lesbar und schön zugleich sind. Die Splendor vielleicht gelegentlich, aber das große I kann so nicht verwendet werden. Auch die zweite N-Variante ist schwierig.

Auch Schmuck muß ausprobiert werden. Ich habe die Splendor zuletzt vor 20 Jahren verwendet, als ich noch ein kleiner Junge von Anfang zwanzig war und nichts über Typografie wußte außer den drei Grundregeln des Schriftsetzers. Ich weiß heute, daß wir die meisten Schriften mit zu großen Wortabständen gesetzt haben, fast jede Schreibschrift wird dadurch profan, manche wird häßlich. Die Splendor ist eine Breitfederhandschrift ohne Buchstabenverbindungen (außer in manchen Ligaturen, die man deshalb auch mit Überlegung einsetzen muß, also das ch in sch würde ich nicht als Ligatur setzen), die eng gesetzt werden muß und die Raum braucht. Die Wortabstände in den Schriftmusterkarteien sind oft gut und mit Überlegung gesetzt. Vor Versalien kann der Abstand meistens verringert werden.

— Martin Z. Schröder

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