Ein Wunschauftrag · 10. September 2010

Als ich anfing, mich beruflich für die Typografie in Büchern zu interessieren, sechzehn Jahre war ich alt, da galt uns Schriftsetzerlehrlingen die Buchtypografie als eine überaus feine Disziplin, und als Krönung galt ein Reihenentwurf. Wir schauten uns im Unterricht die ostdeutsche Reclam-Reihe an, der Lother Reher ein Gesicht gegeben hatte, weiß auf schwarz, schwarz auf weiß, Garamond mit kursiv.

Der Reihenentwurf wird nicht für ein einzelnes Buch gemacht, sondern er soll für viele Texte geeignet sein. Er soll einen Anspruch zeigen, ein Verlag möchte ihn als Hülle für eine Gedankenwelt benutzen. Ob Krimi, Studienreihe, Jugendbuch, Klassik oder Liebesroman — der Reihenentwurf setzt das visuelle Signal in der Buchhandlung.

Die Anfrage vom Verlag zu Klampen in Lüneburg, ob ich seiner Essay-Reihe ein neues Gesicht geben möchte, hat mich daran erinnert, wie fern mir diese Aufgabe einst war. Mit großer Vorfreude habe ich die Aufgabe übernommen. In dieser Reihe schreiben Martin Mosebach und Fritz J. Raddatz, Gustav Seibt, Burkhard Müller, F.W. Bernstein und Jürgen Kaube. Die Herausgeberin der Reihe, Anne Hamilton, besuchte die Berliner Druckerey, und zwischen Setzregal und Heidelberger Tiegel notierte ich ihre Ansprüche an das neue Gesicht: klassisch, nicht modisch, nicht laut, schön, anmutig, lindgrün, elegant, fein, geistvoll. Mit Essays spricht man einen recht kleinen Leserkreis an. Intellektuelle Leser, die Bücher vielleicht mehr nach Autorennamen als nach Themen kaufen und kaum durch Lautstärke des Buchumschlags zu gewinnen sind.

Ein Reihenentwurf muß so aufgebaut sein, daß lange und kurze Namen sowie lange und kurze Buchtitel eingepaßt werden können. Wenn er für einige Jahre gelten soll, darf er nicht modisch aussehen, denn was heute modisch oder modern ist, wirkt morgen altmodisch oder eben unmodern. Die Typografie wird einmal festgelegt und muß für verschiedene Zeilenlängen geeignet sein. Von Anfang an habe ich also alle Skizzen mit langen und kurzen Zeilen entworfen. Der Verlag hat einen einzigen Entwurf bekommen, und die Zustimmung erreichte mich unverzüglich. Ich hatte ins Schwarze getroffen mit einem gerahmten Titel und Rücken, mit der Farbauswahl und der Baskerville als Schrift. Ein Weilchen wurde noch an Details gearbeitet, der Kalligraph Frank Ortmann half mir bei der Reinzeichnung des aus Buchstaben und Linien bestehenden Rahmens.

Der Auftrag wurde erweitert um den Entwurf des Innenlebens. Ein Satzspiegel war anzulegen, die Titelei mit allen Bestandteilen zu skizzieren: Schmutztitel, Frontispiz, Haupttitel, Inhaltsverzeichnis, Impressum. Die Darstellung der Texte habe ich entworfen: Überschriften, Untertitel, Fußnoten, Schrift, Schriftgröße, Zeilenabstand, Randausgleich, Spitzmarke. Nun ist alles wie aus einem Guß, und ich wüßte nicht, was ich noch verbessern könnte. Mit der Beauftragung der Setzerin Daniela Weiland aus Göttingen hat der Verlag allen Beteiligten einen Gefallen getan, denn das erste Buch (“Finderglück” von Johannes Saltzwedel) ist recht verzwickt mit Zitaten, griechischem Satz und langen Fußnoten versehen, und Frau Weiland hat die Aufgabe meisterlich gelöst. Es ist sehr anstrengend, wenn Setzer dem Verlag mitteilen, es befinde sich “Übersatz” auf einer Seite, weil sie Hurenkinder (so nennt man eine am Kopf einer Seite stehende Ausgagszeile eines Absatzes) nicht selbst einbringen können. Keine Spur solcher Probleme war in dem Satz von Frau Weiland zu finden.

Vor ein paar Tagen kam der Proof-Bogen des Umschlags für den Pappband aus der Druckerei. Im Proof werden die Farben mit größtmöglicher Annäherung an den Offsetdruck dargestellt, und man kann sehen, ob das festgelegte Farbprofil und die Tonwerte stimmen. Ich verstehe von Offsetdruck so wenig, daß ich das einem fachkundigen Kollegen überließ, und der Kontrollbogen ist nun genau so geworden, wie ich es mir gewünscht habe.

Der Buchumschlag ist imprimiert, der Satz des Inhalts wurde vorzüglich ausgeführt. Dunkelgrünes Vorsatzpapier und Verzicht auf das Kapitalband wurden festgelegt. Meine Arbeit ist beendet, und so sehe ich dem Erscheinen des ersten Bandes im September freudig entgegen.

— Martin Z. Schröder

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Schutzumschlag und Einband · 11. Januar 2008

Gelegentlich wenden sich meine Kunden auch an mich, wenn es um andere Drucksachen als edle Visitenkarten und feines Briefpapier geht. In diesem Fall war ein Reihenentwurf für das 16bändige historische Quellenwerk “Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933 bis 1945” anzufertigen, das in den nächsten zehn Jahren Band für Band erscheinen wird, herausgegeben im Auftrag des Bundesarchivs, des Instituts für Zeitgeschichte und des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg von Götz Aly, Wolf Gruner, Susanne Heim, Ulrich Herbert, Hans-Dieter Kreikamp, Horst Möller, Dieter Pohl und Hartmut Weber im Oldenbourg-Wissenschaftsverlag München. Band 1 ist soeben erschienen.

Solche Werke bleiben lange in den Regalen stehen, werden lange benutzt und sollen auch in Jahrzehnten noch vernünftig aussehen und sich in wissenschaftliche Bibliotheken würdig einfügen, müssen also in gewissem Maße zeitlos wirken. Umschlag und Einband solcher Werke dürfen nicht modisch sein, der Geschmack der Buchkäufer von heute ist nicht zu berücksichtigen, Gesichtspunkte des Marketings durch den Umschlag als werbendes Plakat sind zu vernachlässigen. Mein Mitarbeiter, der Gebrauchsgrafiker und Kalligraf Frank Ortmann, und ich hatten deshalb nur zwei klassische Entwürfe vorgelegt: einen auf Mittelachse, der verworfen wurde, und den abgebildeten. Der Einband ist in einem kühlen Dunkelgrün gehalten, der Umschlag wurde in einer Sonderfarbe in einem zarten kühlen Graugrün gedruckt und matt cellophaniert, so daß auch im Gebrauch nicht jeder Fingerabdruck gleich zu sehen ist, wo der Schutzumschlag nicht entfernt wird.

Während meine digitale Technik sich auf das nötigste beschränkt, weil ich eher im Bleisatz zu Hause bin, ist mein Kollege bestens ausgestattet und hat die digitalen Druckvorlagen für den Offsetdruck angefertigt.

— Martin Z. Schröder

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