Die Bodoniberührung · 31. Oktober 2011

Dieser Korrekturabzug der Goetheschen Todesanzeige fiel mir am Wochenende auf. Am Wochenende fand im Hause von Gemäldegalerie, Kupferstich und Kunstgewerbe-Museum die Liber Berlin statt, die Antiquariatsmesse der Hauptstadt. Auch wenn man kein bedeutendes Vermögen für Bücher auszugeben beabsichtigt, ist ein Messebesuch ein großer Gewinn. Eine solche Antiquariatsmesse ist nämlich wie ein Museum für die Buchkunst der letzten Jahrhunderte.

Als mein Kollege und ich dieses silberne Gebetbuch belustigt und gerührt betrachteten, trat Herr Wolfgang J. Kaiser hinzu, der Londoner Antiquar (Tusculum Rare Books Ltd). Wir sagten ihm, daß wir diese schöne Arbeit soeben mit einem brillantenbesetzten I-Phone verglichen und festgestellt hätten, daß die Statussymbole in Vorzeiten kunstvoller gearbeitet waren und daß schon damals die Leute an der vielleicht größeren Leistung, nämlich den deutlich leiseren Büchern in Pergament und Leder, vorbeigegangen wären. Wir hatten einen Bodoni hinter Glas entdeckt.

Eine solche Messe ist auch so wunderbar wegen der Kenner, die dort herumlaufen. Man sieht sehr viele weißgeschopfte Herren mit Brillen und Schnauzbärten, in Kordjacken über Westen, gebeugte Figuren, gelegentlich in Begleitung von eleganten Damen mit einfarbigen oder dezent gemusterten Seidentüchern, die nicht wesentlich jünger sind, sich einem Antiquar nähern, der ihnen nicht unähnlich ist, sich freudig begrüßen und sogleich in ein Fachgespräch eintreten, daß einer wie ich zugleich innerlich jauchzt und sich schämt, weil einem in charmantem Ton als unbeteiligtem Zuhörer die eigenen Bildungsbrachen verdeutlicht werden. Es sind alte Damen und Herren, die nicht zum Abschied “Tschüssi” sagen, sondern: “Ich empfehle mich”, es geht hier zu wie an einem Hofe, am Hofe eines sehr feinen, der Bildung zugewandten Königs, also gedämpft, heiter, wohlgemut und angenehm.

Man wird auch automatisch für einen Kenner gehalten. Herr Kaiser hielt uns wegen unserer kleinen Bemerkung für Bibliophile, was ja nicht ganz falsch ist, und gab gleich einen winzigen Vortrag, in dem aber immerhin Griechen, Lateiner, Kriege und Völkerwanderungen vorkamen und sagte dann: “Ich habe da noch ein paar echte Bodonis, sind gar nicht so teuer, wollen Sie mal sehen?” Wir hatten keine Baumwollhandschuhe dabei, um Kunst anzufassen — der Antiquar griff in seine Aktentasche und legte uns vier echte Bodoni auf den Tisch und gab gleich einen kleinen historischen Abriß, den ich schon wieder vergessen habe, und ließ uns uns setzen und die Bücher aufschlagen.

Herr Kaiser hielt uns für Kenner, und immerhin waren wir zwei Schweizerdegen ja auch nicht völlig blind für die Dinge, aber doch so viel, daß wir, nicht zum ersten Mal, einsahen, wie beschlagen Antiquare sind. Und ich meine damit nicht nur wenige, sondern die meisten, denn Antiquare haben meistens ein Fachgebiet, auf dem sie, weil es ihre Handelsware anlangt, so gescheit sind wie Historiker.

Wir durften also in den Büchern blättern, und mein Kollege hatte zum ersten Mal einen Bodoni in der Hand. Ich vielleicht auch, aber ich hatte schon so viel in der Hand und ist mein Gedächtnis so schlecht, daß ich es nicht sicher sagen kann. Daß ich noch keine Manutius in der Hand hatte, und auch keine Gutenberg-Bibel, das weiß ich, die habe ich nur hinter Glas gesehen. Und im Halbdunkel.

Bücher des 18. Jahrhunderts habe ich schon öfter aufgeschlagen. Einen Bodoni, also ein Buch aus der Werkstatt des Druckers der Könige und Königs der Drucker, bekommt man von Herrn Kaiser schon ab 300 Euro. Es ist nicht die Art Buch, die man in klimatisierten Panzerschränken lagert. Aber man erstarrt als Buchdrucker trotzdem ein wenig, und wird dann technisch neugierig.

Nun saßen wir da. Und also ich fühlte mich sogleich unter Zeitdruck gesetzt, denn einerseits mußte ich am frühen Nachmittag wieder in der Werkstatt sein, andererseits wollte ich noch mehr von der Messe sehen und dritterseits ist eine solche Viertelstunde der Betrachtung allein schon die ganze Messe wert. 1772, Parma, Bodoni, ich habe nicht alle Tage umstandslos einen 239 Jahre alten Gegenstand in der Hand.

Wir schauten wie die Schriftsetzer, also bewunderten die Großzügigkeit der Seiten, die schön gestellten und mit Zierrahmen eingefaßten Satzspiegel, die geschmückten Pagina, den gleichmäßigen Druck. Und ich durfte die zum Kauf angebotenen Gegenstände auch fotografieren, wie man an der Bildleiste rechts sieht.

Von dieser Erlaubnis machte ich Gebrauch, aber kaufen? Es ist wahrscheinlich nicht viel Geld für ein solches Werk, aber ich zögerte vor allem, weil ich diese Bücher nicht lesen und nicht angemessen lagern kann. Das Lesen wäre nicht das Problem. Man gäbe das Werk einem Sprachkundigen und bekäme eine Vorstellung von seinem Inhalt, aber wo lassen? Eines der Bücher war auf unbeschnittenes Bütten gedruckt und die Seite, die wir Kopfschnitt nennen, also der Kopf des Buchblockes, war schwarz vor 239 Jahre altem Dreck.

Man würde sich also für 200 Euro einen verglasten Holzrahmen bauen lassen, für den ich aber kein Podest und keinen Tisch habe in meiner kleinen Hütte. Also kein Kauf. Wir gingen weiter nach einer Zeit des Bewunderns bei Herrn Antiquar Kaiser, schauten hier, bewunderten dort. Ich fand eine kleine Mappe mit Holzstichen von Hans-Joachim Behrendt, dem Holz- und Metallstecher, dem ich das Signet der Druckerey verdanke, den Bären, der auch im Kopf dieses Blogs prangt.

Bei dieser Gelegenheit muß ich erwähnen, daß einem mit einer gepflegten Buchdruck-Visitenkarte auf einer Antiquariatsmesse gelegentlich das Gefühl vermittelt wird, eine Klubkarte auszugeben oder einen Gutschein: “Ist der Bär vom Stock gedruckt?” “Geben Sie mir bitte auch eine?”

Apropos Bär. Und wir kamen zum Stand von Dr. Wolfgang Benda. Seine The Bear Press ist offenbar eine Oase. Buchkunst der Neuzeit möchte ich gelegentlich am liebsten in einen Sack stecken und — nun ja. Mit Strippen zusammengeschnürtes Fusselpapier, auf dem Bleilettern abgequetscht wurden. Dreck. Aber was Herr Benda herstellt, das treibt einem Kenner das Wasser in die Augen vor Rührung.

So feines Handwerk sieht man nur noch selten. Buchdruck vom Bleisatz, ungequetscht, fein zugerichtet, schön gesetzt und gedruckt, mit Radierungen versehen und unter Ausnutzung des heutigen Papierangebotes, also auf feinen farbigen Papieren. Wir bewunderten diese Arbeiten und gingen dann noch rasch zu den Atlanten und Karten, den Grafiken und Drucken.

Und im Fluge waren die drei Stunden, die wir uns gegönnt hatten, vorüber. Wir waren angefüllt mit Eindrücken, wir konnten auch nicht mehr viel sehen. Die herrlichen hundert Jahre alten Kinderbücher mit den wilden Illustrationen, die man Kindern heute, da die Kinderbuchverlage pädagogisch und auf dem neuesten Stand politischer Korrektheit agieren, nur selten zumutet. Die typografischen Experimente. Die Urkunden, die Lederbände.

All das bot die Liber Berlin am Wochenende im Kulturforum, und ich hoffe, sie findet auch im nächsten Herbst wieder statt. Andere Bilder als die von Bodonis Büchern habe ich nicht gemacht. Dieses Herumgehen zwischen den Arbeiten unserer Vorgänger, den Druckern der vergangenen Zeit, und ein paar Gespräche mit den Damen und Herren aus so guten Antiquaren, hat mich nicht an Fotos denken lassen.

— Martin Z. Schröder

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