Aus der „digitalen Plauderecke“ (Zitat Frank Müller) · 24. Februar 2008
Manchmal passieren dem Drucker seltsame Dinge, ich berichte aus der Welt der Geistesschaffenden:
Am 15. Mai 2007 druckte die Süddeutsche Zeitung im Feuilleton einen Text von mir über das große Eszett. Neulich erreichte mich aus der Presse-Abteilung des Eichborn-Verlages die Mitteilung, der Frankfurter Journalist und Werbetexter Frank Müller habe ein Buch über das ß geschrieben mit dem freundlichen Angebot, mir ein Rezensionsexemplar zu übersenden. Neugierig und erfreut begehrte ich dieses.
Gestern kam es, versehen mit dem Hinweis „Sperrfrist 3. März 2008“. Bücher sollen nicht besprochen werden, bevor sie im Handel erhältlich sind. Ich habe aber gar nicht mehr die Absicht, dieses Buch zu rezensieren. Mir kamen bei der Durchsicht ein paar Absätze bekannt vor, und daß ich die heute schon „zitiere“, berührt die Sperrfrist wunderbarerweise nicht. Wie das geht?
In der SZ vom 16. Mai steht: „Noch in den Frakturschriften, aus denen im 20. Jahrhundert Bücher gesetzt wurden, findet sich kein Unterschied zwischen I und J. Das U ist sichtbar spät hinzugekommen und war danach immer stiefväterlich behandelt worden, wenn Schnörkel zugeteilt wurden. Das ursprüngliche lateinische Alphabet hatte weder G noch J, es kam ohne U und W aus, die Typen K, Y und Z entlehnte es dem griechischen, eben weil die Benutzer mit den vorhandenen Buchstaben nicht auskamen.“
Bei Frank Müller lese ich auf Seite 152 im Fließtext, ohne Hervorhebung oder Kenntlichmachung der Quelle: “Noch in den Frakturschriften, aus denen im 20. Jahrhundert Bücher gesetzt wurden, findet sich kein Unterschied zwischen i und j. Das u ist sichtbar spät hinzugekommen und war danach immer stiefväterlich behandelt worden, wenn Schnörkel zugeteilt wurden. Das ursprüngliche lateinische Alphabet hatte weder g noch j, es kam ohne u und w aus, die Typen k, y und z entlehnte es aus dem Griechischen.”
Man muß aber schon richtig abschreiben, denn wenn es auch lange keinen Unterschied gab in der Fraktur zwischen I und J, den Majuskeln, so gab es doch wohl einen zwischen i und j, den Minuskeln. Und in einem guten Fraktursetzkasten wird für I und J die Type mit Unterlänge zu finden sein, ähnlich der Unterlänge des gebrochenen Versal F, und nicht das gekürzte Ding: ein J, das den Schwanz einzieht. Dieses I ist in diesem Fall der spätere Buchstabe gewesen, er tauchte im 19. Jahrhundert auf und setzte sich im 20. Jahrhundert immer stärker durch. In meiner Setzerei verwende ich kein gebrochenes I ohne Unterlänge. Und natürlich bezog sich mein Hinweis auf die Schnörkel des U auf das Versal, Minuskeln werden ja kaum verschnörkelt. Schließlich: “ursprüngliches lateinisches Alphabet” – wenn es kein G gehabt hat, muß es sich um das von vor 230 v.Chr. handeln; die Trajanssäule in Rom aus dem Jahr 114 n.Chr. zeigt ja das G. An Minuskeln wurde aber erst 1000 Jahre später gedacht, sie entstanden langsam aus der Halbunziale und wurden als karolingische Minuskeln etabliert. Hätte im Lektorat auffallen müssen, daß die Behauptung, eine Minuskel g sei erst später ins Alphabet gekommen, nicht stimmen kann, oder ist das eine so spezielle Angelegenheit?
In der SZ steht: „Nicht zuletzt kämpfen Designer mit dem Fehlen des versalen Scharf-S, wenn sie FUßCREME, MAßHEMDEN und SOßE in GROßBUCHSTABEN beschriften wollen.“
Frank Müller: “Designer kämpfen mit dem fehlenden Versal-ß, wenn sie FUßCREME, MAßHEMDEN und SOßE in Großbuchstaben beschriften müssen.” (Seite 150)
In der SZ heißt es: „Die ersten versalen Eszett im Jahr 1879 sahen entweder wie Schlüssellöcher (der Kopf vom S und der Fuß vom Z) oder wie aufgeblasene Minuskel-ß aus. Später kamen verstümmelte Dollarzeichen dazu, dann Diakritika, kleine Punkte oder Häkchen unter dem S, es wurde mit Ligaturen, also Buchstabenverbindungen gespielt. Vor allem in den 1950er Jahren haben die Schriftentwerfer mit großer Lust neue Formen gesucht. […] Heute muß das große Eszett andere Aufgaben erfüllen: Es muß sich vom kleinen unterscheiden, ihm aber verwandt bleiben. Es darf nicht mit dem B verwechselt werden, es muss sich unauffällig in eine Versalzeile einfügen lassen und dazu handschriftlich leicht zu formen sein.“
Und wieder aus der Hand (auch dem Kopf?) von Frank Müller: “Die ersten versalen ß im Jahr 1879 sahen entweder wie Schlüssellöcher (der Kopf vom S und der Fuß vom Z) oder wie aufgeblasene Minuskel-ß aus. Später kamen verstümmelte Dollarzeichen dazu, dann Diakritika, kleine Punkte oder Häkchen unter dem S, oder es wurde mit neuen Ligaturen gespielt. Vor allem in den 1950er Jahren haben die Schriftentwerfer mit großer Lust neue Formen gesucht […] Heute müsste das große ß andere Aufgaben erfüllen. Es müsste sich vom kleinen unterscheiden, ihm aber verwandt bleiben. Es dürfte nicht mit einem B verwechselt werden, sich unauffällig in eine Versalzeile einfügen lassen und sich dazu handschriftlich leicht formen lassen.” (S. 155)
Der Eichborn-Presseabteilung wird es wohl recht lieb sein, wenn ich Frank Müllers Buch „ß – Ein Buchstabe wird vermisst“ (160 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 14,95 Euro, Eichborn, Frankfurt am Main, 2008) nicht bespreche. Jedenfalls nicht in einer Zeitung. Was sollten denn die aufmerksamen Leser denken, wenn ich aus dem Buch zitierte und zufällig einen Satz erwischte, der in dieser Zeitung vor einem dreiviertel Jahr schon einmal stand? Und womöglich würde ich dann auch die Zitiermethode des Germanisten Frank Müller darstellen, ein Zitat aus der Zeitschrift „Signa“, das einem Fachartikel aus dem Jahre 1955 entnommen ist, als eigene Formulierung auszugeben, auch wenn es nur aus zwei Worten besteht. Sogar das Vorwort der „Signa“ hat ihm gefallen. Das Thema des versalen ß, so heißt es dort, im Editorial der Zeitschrift SIGNA, „konfrontiert uns auch mit allen Aßmanns, Bößles, Faßbinders, Geißlers, Großes, Häußlers, Ißlingers, Kießlings, Meißners, Nußbaums, Oßmanns, Rößlers, Weißmanns &ca und ihrer persönlichen GROßSCHREIBUNGSMISERE.“ Und jetzt Frank Müller: „Die Problematik des großen ß konfrontiert uns mit der Heerschar der Toten, mit allen Aßmanns, Bößler[!]s, Faßbinders, Geißlers, Großes, Häußlers, Ißlingers, Kießlings, Meißners, Nußbaums, Rößlers, Weißmanns und ihrer persönlichen Großschreibmisere.“ Na wenn die Heerscharen tot sind, wieso haben sie dann eine persönliche Großschreibmisere? Eine Religionsfrage? Oder eine persönliche Abschreibmisere?
Was ich über das versale ß weiß, habe ich aus SIGNA Nr. 9, 2006 erfahren. Aber für einen Zeitungsartikel, den ich namentlich zeichne, war mir stets wichtig, das Gelernte zu verstehen und selbst zu formulieren und seine Quelle zu nennen. Befaßt man sich viel mit einem Gegenstand, so werden fremde Gedanken zu eigenen, man muß sich gelegentlich streng prüfen. Es gibt allerdings Buchverlage, denen reicht wörtliches Abtippen ganzer Absätze oder sogar das Einbringen sachlicher Fehler in die Abschrift. Oder sie beschäftigen keinen Lektor, der sich in die Materie einarbeitet. Und es gibt Autoren, die verinnerlichen mit (fast) fotografischem Gedächtnis.
Besonders gut geschmeckt hat mir ein Satz von Frank Müller, den ich niemals derart gescheit und elegant hätte formulieren können: „Die Verwertungskompetenzen der Verlage, das Nadelöhr des Lektorats, das alles spielt im Buchstaben-Gestöber der Blogs, der Homepages und digitalen Plauderecken keine Rolle.“
Durch manches Nadelöhr stolziert ein Kamel.
— Martin Z. Schröder
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